Ein Schaf auf dem Bohusleden, Teil 1

Ich wollte zwar unbedingt mit nach Schweden, aber ich hatte auch ein wenig Angst davor.
Schließlich hatte ich in meinem ganzen Leben noch keine Nacht ohne meine Herde verbracht. Statt mit 180 Schafen würde ich nur mit zwei Menschen unterwegs sein. So gut es mir möglich war, bereitete ich mich auf dieses Abenteuer vor.
Zuerst zeltete ich mit Ludger in unserem Garten, dann fuhr ich mit zu ihm nach Hause. Dort war es für mich ziemlich langweilig, aber immerhin hatte ich einige Wochen Zeit mich an ihn zu gewöhnen. In manchen Dingen unterscheiden sich Menschen doch sehr von uns Schafen.

Ein wichtiger Unterschied ist, dass den Menschen ihr eigenes Fell nicht reicht. Sie brauchen mindestens ein zusätzliches, am liebsten sogar mehrere, die sie dann in einem Sack auf dem Rücken mit schleppen.
Das soll alles mit Ein anderer wichtiger Unterschied ist die Nahrungsaufnahme. Menschen fressen nicht Gras und leckere Blumen. Nein, sie kaufen Sachen in Tüten und bunten Päckchen, die sie dann auch noch in Töpfen mit gefährlichem Feuer erwärmen. Das alles musste dann auch noch mit in den Rucksack.
Am Tag vor der Abreise kam endlich Angela, die uns in Schweden begleiten wollte. Und dann leerten die beiden Menschen ihre Rucksäcke wieder und überlegten aufs Neue, was sie mitnehmen wollten oder noch tragen konnten. Das machte mich noch nervöser als ich ohnehin schon war.

Anreise

Am nächsten Tag packten die Beiden ihre Rucksäcke endgültig. Ich bekam einen Außenplatz an Ludgers Rucksack. Das war zwar etwas eng und unbequem, aber mit meinen kurzen Beinen war ich den Menschen zu langsam. Und die Aussicht von dort oben war wirklich spannend.
Wir fuhren mit einem Zug nach Kiel und schlenderten dort ein wenig durch die Gegend, bevor wir endlich auf die Fähre durften.
Ich genieße meine Ruhe und die Aussicht Ich weiß nicht, was Angela und Ludger den ganzen Abend machten, aber ich war froh als ich endlich in der Kabine meine Ruhe hatte. Den ganzen Tag hatten wir anderen Menschen erklären müssen wer ich sei, oder ich hörte leises Getuschel wie: „Oh, guck mal ein Schaf!“ Sagte ich schon, dass Menschen manchmal seltsam sind?
Göteborg Göteborg Anfangs schaute ich noch ein wenig aus dem Fenster, aber nach der ganzen Aufregung schlief ich schnell ein und erwachte erst wieder als wir schon in Schweden waren.

Ich bekam wieder meinen Platz am Rucksack, den ich auch während der ganzen Reise behielt, und wir gingen am Wasser entlang zu einem großen Bahnhof. Dort stiegen wir in einen Bus. Die Landschaft sauste schneller an uns vorbei als ich gucken konnte, und so schlief ich wieder ein. Angela Erst als Ludger den Rucksack auf den Rücken hob erwachte ich wieder. Bei schönstem Sonnenschein spazierten wir durch Strömstad. Die beiden Menschen mussten auch noch etwas einkaufen, dabei waren die Rucksäcke schon so voll!
Dann gingen wir zum Campingplatz, der zu meiner großen Freude eine saftige grüne Wiese hatte.

28.05.

Ich schaute mir Angela genauer an ...und genoss die Sonne Aufstehen, fressen und los gehen wohin man will. So einfach könnte das Leben sein.
Nicht aber bei den Menschen! Meine Begleiter mussten duschen, das richtige Fell anziehen, Kaffee kochen, ein Frühstück zelebrieren, noch mal Kaffee kochen, die Sonne genießen und dann in Ruhe alle Sachen zusammen suchen und verpacken. Die Sonne hatte schon ihren höchsten Punkt erreicht, als wir endlich los gingen.

Angela voraus Viel frisches Gras gab es hier nicht 2 km gingen wir an einer Straße, was bei der Mittagshitze nicht besonders schön war, dann kamen wir auf diesen Bohusleden. Hier gefiel es mir schon viel besser. Einen richtigen Weg oder Pfad konnte ich nicht immer erkennen, aber damit die Menschen sich nicht verliefen, gab es orangefarbene Markierungen an den Bäumen und auf Steinen. So gingen wir über Stock und Stein und noch mehr Fels von Markierung zu Markierung. Einmal mussten wir über einen Bach springen, und dann waren wir wieder an einer Straße.
Nicht jeder Weg war für die Menschen bequem Hier mussten sich die Beiden auch anstrengen Zum Glück verließen wir die Straße schnell wieder und machten an einer saftigen Wiese mit alten Hügelgräbern (Grönehög) eine Pause.
Angela war ganz schön mutig Danach ging der Weg durch einen Wald weiter. Wir kletterten einen Berg hoch, und mussten dann unter einem Furcht erregenden Felsvorsprung hindurch. Es soll sogar Menschen geben, die unter diesem Felsen schlafen. Ich hingegen war froh, schnell wieder den freien Himmel über mir zu sehen.
Nicht jeder Weg oder Pfad war für Menschen bequem zu gehen, aber Ludger und Angela hatten Stöcke dabei, die sie als zweites Paar Füße benutzen konnten.

So eine weite Aussicht Angela Ungefähr eine halbe Stunde später kletterten wir hinauf zu einem Aussichtspunkt mit einer Hütte. Dort machten wir wieder eine Pause. Die Aussicht von hier oben war einfach wunderbar. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht so viel von der Erde auf einmal gesehen.
Ludger Das Nachtlager Wir gingen noch ungefähr eineinhalb Stunden auf kleinen Straßen, Wegen und Pfaden weiter. Dann hatten die Beiden keine Lust mehr und suchten einen Schlafplatz. Schließlich fanden sie einen Platz der auch mir angenehm war, weil es frisches saftiges Gras gab. Ich hatte schon befürchtet auf kargen Fels schlafen und hungern zu müssen.

29.05.

So penibel habe ich Ludger nie wieder gesehen Die Menschen behaupten immer, dass sie Dank der Errungenschaften der Zivilisation eine Menge Zeit sparen würden. Wir Schafe haben immer auf diese Errungenschaften verzichtet, und ich habe noch nie ein Schaf getroffen, das unter Zeitmangel litt.
Auch meine beiden Begleiter waren heute morgen, als sie auf Duschen und komfortable Küchen verzichten mussten, zwei Stunden früher fertig als gestern. Dabei mussten sie nicht einmal auf ihren heiß geliebten Kaffee und das Frühstück verzichten.

Da war Angela noch fit Auf einer ruhigen Straße gingen wir nach Messleberg, wo Ludger und Angela alte Felszeichnungen anschauen wollten. Auf dem Weg dorthin kamen uns zwei Frauen entgegen, die auch auf dem Bohusleden gewandert waren.
Wir waren doch nicht alleine unterwegs Die Felszeichnungen waren für meinen Geschmack recht einfach gehalten, nicht ein einziges Schaf war darauf zu sehen. Auch ein Steingrab gab es in Messleberg zu sehen. Fünftausend Jahre sollte es alt sein. Mir wurde ganz schwindelig, als ich auszurechnen versuchte, wie viele Generationen von Schafen darunter verborgen sein könnten. Felszeichungen Felszeichungen Felszeichungen
Felszeichungen 5000 Jahre altes Grab

Kurze Zeit später kamen wir an einem Bauernhof vorbei, und der Bauer füllte alle unsere erreichbaren Gefäße mit Leitungswasser, was insbesondere Angela sehr beruhigte.
Nachdem wir zwei Stunden unterwegs gewesen waren, machten wir auf einer Wiese unsere erste Pause. Danach ging es kilometerweit auf Trampelpfaden und Felsen nur bergauf bis zum Björnerödpiggen. Das ist sowohl der höchste, als auch der nördlichste Punkt des Bohusleden.
Angela Bohusleden Bohusleden Angela Ich, Frieda, die Autorin Ludger Bohusleden Bohusleden Bohusleden
Ich hatte es am Rucksack ja recht angenehm, aber Angela und Ludger kamen ganz schön ins schwitzen. Vom Gipfel kommend ging es dann natürlich nur bergab. Bei einem Haus, an dem wir in der Nähe von Krogstrand vorbei kamen, ließ Angela wieder unsere Wasservorräte auffüllen, und wir machten auf einer Parkbank eine längere Pause.
Im Windschutz des Björnerödpiggen Bohusleden Bohusleden
Ich glaube, meine Begleiter waren – trotz kleiner Snacks zwischendurch – ziemlich hungrig. Schon von weitem sah Ludger, dass ein Lokal im Ort geöffnet hatte, und die Beiden wurden gleich viel munterer. Sie schlugen sich den Bauch mit Pommes voll und fragten den Servitör, ob er wüsste wo man in der Gegend gut zelten könne.

Der machte eine ausholende Armbewegung und sagte: „Überall!“ Und dann erklärte er, wenn wir aber einen richtigen Zeltplatz haben wollten, sollten wir doch den Berg hochgehen bis zum See. Dort wäre ein Platz mit einem großen Zelt in das wir unser Zelt stellen könnten oder so ähnlich. So ganz hatten wir ihn nicht verstanden.
Angeblich war der Platz nicht so weit entfernt und so begaben wir uns auf den Berg. Ludger vermutete dort eine Art Wandererheim bei dem man auch zelten könne. Wir dachten schon wir hätten unterwegs eine Abzweigung verpasst, da kamen wir doch noch an einen entsprechenden Platz mit einem großen Zelt drauf.
Außerdem gab es dort einen Tresen, einen Holzschuppen und eine Bühne. Aber zum Glück keine Veranstaltung. Unser Zelt bauten wir nicht im Zelt sondern lieber im Freien auf. Zeltplatz in Krokstrand Zeltplatz in Krokstrand Zeltplatz in Krokstrand