Auf nach Gotland

Göteborg - Forsvik

In diesem Jahr wollte ich die Inseln Öland und Gotland erradeln. Von Travemünde mit der Fähre nach Trelleborg und dann, auf dem Rad, weiter zu den beiden Inseln. Dieser Plan scheiterte an einer offensichtlich unüberwindlichen Morgenmüdigkeit, die es mir unmöglich machte, die Fähre zu erreichen.
Ich überlegte, auf dem Campingplatz in Travemünde eine Nacht zu verbringen, um am Morgen einen kürzeren Anfahrtsweg zu haben. Den Gedanken verwarf ich aber schnell wieder, weil ich Sorge hatte, dann den ganzen Urlaub auf dem Campingplatz zu verbringen. Mir fiel nur noch eine Möglichkeit ein:
Ausschlafen und die Nachtfähre von Kiel nach Göteborg nehmen.

Mo 21.05.

Am Nachmittag fuhr ich, immer noch nicht ganz ausgeschlafen, mit dem Zug nach Kiel, radelte zum Fährterminal der Stena Line, kaufte mir ein Ticket nach Göteborg und durfte schon wenig später an Bord. Meine Hoffnung, eine Kabine für mich allein zu haben, erfüllte sich nicht. Doch ich hatte noch genug Schlaf nachzuholen, und bemerkte deshalb kaum etwas von dem Mann im Bett unter mir.

Di 22.05.

Während des Frühstücks hatten wir Gelegenheit, uns ein wenig zu unterhalten. Der Mann kam aus Deutschland und arbeitete in Göteborg, war aber vorher auch schon an einigen anderen Orten der Welt beschäftigt gewesen.
Nach dem Frühstück empfing uns Göteborg mit strahlendem Sonnenschein.

Ich radelte von Bord, schaltete den GPS-Empfänger ein und sah eine große gelbe Fläche, eine große blaue Fläche und ein paar rote Striche. Ich zoomte rein, ich zoomte raus, doch es änderte sich nichts.
Mir fiel die Kartenauswahl ein. Ich zappte mich durchs Menü und musste feststellen, dass nur die deutsche Fahrradkarte, die ich vor langer Zeit zu Testzwecken installiert hatte, in dem Gerät steckte. So folgte ich erst einmal den Radwegschildern nach Kungälv.
Am Ortseingang holte ich dann endlich die Reiseradlerin ein, die ich schon seit geraumer Zeit weit vor mir sah. Es handelte sich um eine echte Norddeutsche auf dem Weg zum Nordkap. Doch statt, wie ich 2009, den einfachen Weg durch Schweden zu nehmen, wollte sie durch Norwegen radeln.
Da wir vor lauter Reden eh nicht weiter kamen, machten wir es uns mit Kaffee und Kuchen in der Sonne gemütlich. Zum Radeln war es eh viel zu heiß.
Schließlich trennten wir uns doch, und ich fuhr allein am Götaälv weiter.

Götaälv.jpg Bei sengender Sonne und Gegenwind lief mir der Schweiß brennend in die Augen und der Helm wanderte auf den Gepäckträger.
Mein Wasservorrat ging zur Neige und ich befürchtete schon zu verdursten, als plötzlich ein Tante Emma Laden in Sicht kam. Landhandel.jpg Mein Leben war gerettet.
Der Laden war bestimmt nicht neu, aber völlig aus meinem Gedächtnis entschwunden. Die Hitze war unerträglich und als ich nach nicht einmal 20 weiteren Kilometern ein B & B Schild entdeckte, verließ mich schlagartig jede Energie. Die 2 km bis dorthin schienen mir kein Ende zu nehmen.
Die Übernachtung ohne Frühstück kostete 150:- SEK. Ich baute mein Zelt auf, und für den Rest des Tages konnte ich die Sonne sogar genießen.
Camp.jpg Camp.jpg Götaälv.jpg 60,9 km | 4:26 | 13,7 km/h

Mi 23.05.

Um 8:00 Uhr erwachte ich und fühlte mich, endlich mal wieder, richtig ausgeschlafen. Aber auch klitschnass, die Sonne musste schon einige Zeit aufs Zelt geknallt haben. Schöne Aussichten! Ich mochte gar nicht aufs Rad steigen. Doch was sollte ich sonst machen?
Trollhättan.jpg Um kurz nach zehn saß ich auf dem Rad und fuhr, natürlich überwiegend gegen den Wind, weiter am Götaälv entlang, nach Trollhättan. Hier legte ich nach 37 km eine wohlverdiente Mittagspause ein. Ich dachte nur ans Essen und kam gar nicht auf die Idee nach einer Straßenkarte Ausschau zu halten.

In nordöstlicher Richtung verließ ich die Stadt, kam durch ein Industriegebiet und stand plötzlich vor der Schranke des Saab-Geländes. Freundlich fragte ich die Wachfrau wie ich durch das Gelände käme, und ebenso freundlich erklärte sie mir, dass ich unter keinen Umständen über das Gelände dürfe. Doch sie war so nett, mir zu erklären wie ich um das Gelände herum käme.
Ich fand den Weg, kam am Flugplatz vorbei, hielt mich weiterhin nordöstlich und wusste nur, dass ich aufpassen musste, nicht auf die Halbinsel im Vänern zu radeln. Götaälv.jpg

Ungefähr 10 km weiter traf ich auf die Radroute Västgötaleden, die nach Lidköping ausgeschildert war. Radroute.jpg Ich wusste noch, dass Lidköping nicht auf der Halbinsel lag und so folgte ich dieser Route. Die Strecke war gut ausgeschildert und führte ausschließlich über asphaltierte kleine Nebenstraßen. Bei Kilometer 72 teilte sich die Route und ich musste mich entscheiden: Weiter Richtung Lidköping oder nach Süden zum Campingplatz in Grästorp. Ich entschied mich für letzteres und hatte somit endlich auch einige Kilometer Rückenwind.
Kappe.jpg Der Platz entpuppte sich als Teil eines Sportzentrums. Die Rezeption fand ich im Eingang zur Schwimmhalle, daneben befand sich eine Halle aus der laut Aerobic-Musik dröhnte, und auf den Fußballplätzen trainierten mindestens drei Fußballmannschaften. Eine Stunde später hatten alle Sportler das Gelände verlassen und ich war der einzige Mensch auf dem Platz.
79,1 km | 6:55 | 14,8 km/h

Do. 24.05.

Flieger.jpg Schon vor 9:00 Uhr saß ich, für meine Verhältnisse recht früh, auf dem Rad und fuhr zur Tankstelle, um eine Straßenkarte zu kaufen. Ich bekam ein Faltblatt: Ganz Schweden auf ca. zwei DIN A4 Seiten. Damit hatte ich immerhin einen groben Überblick und einige Ortsnamen, an denen ich mich orientieren konnte.
Friedhof.jpg Ich verließ Grästorp und hoffte, irgendwo in nordöstlicher Richtung auf den Västgötaleden zu treffen. Es gelang mir tatsächlich.

Wieder brannte die Sonne, aber ohne Gegenwind war es erträglicher als an den Vortagen.
Flieder.jpg Flieder.jpg Durch Alleen von Flieder radelte ich bis nach Lidköping.
Dort aß ich Pajer (scheint so etwas wie Quiche zu sein), den ich vor frechen Dohlen verteidigen musste, und versuchte danach mein Glück in der Touristenformation. Die Frau dort gab sich die größte Mühe mir zu helfen, und schwärmte vom neuen, gut ausgeschilderten Radweg Lidköping - Mariestad. Marktplatz.jpg Dohle.jpg Zu Beginn war dieser Radweg identisch mit Västgötaleden, doch als die Routen sich trennten, konnte ich mich nicht entscheiden und wurde derweil von einer alten Frau überholt. Nur mit Mühe holte ich die Frau ein, was sie mit einem stolzen Grinsen quittierte.
Sie bot mir an ihr zu folgen, denn sie kenne den Weg gut. Doch schon nach wenigen Kilometern war sie zu Hause und wies mich an, einfach weiter durch den Wald zu fahren.
Bach.jpg Fröhlich fuhr ich in den Wald und stand plötzlich auf einem Hof. Auch an der nächsten Weggabelung kein Schild.
Wäre ich doch nur auf dem Västgötaleden geblieben. Doch wieder kam eine Frau vorbei, die mir den rechten Weg wies. Ich war nur an der falschen Stelle im Wald heraus gekommen, deshalb gab es kein Schild. Nun konnte ich dem Radweg problemlos - zumindest was die Orientierung betraf - folgen. Obwohl es wunderschöne Streckenabschnitte gab, nahm ich nur noch die geschotterten Trampelpfade wahr, und wollte schnellstmöglich zu einem Badeplatz und mein Zelt aufbauen. Waldweg.jpg Radweg.jpg Radweg.jpg

Steinbruch.jpg Steinbruch.jpg Doch leider hatte ich zwar jede Menge Lebensmittel dabei, allerdings nicht mehr genug Wasser für die Zubereitung. Ein Grund mehr, auf der Straße zu bleiben.
Irgendwo würde sich ein Supermarkt finden. Ärgerlicherweise aber nicht auf meinem Weg nach Mariestad.
Radweg.jpg Völlig ausgehungert erreichte ich den Campingplatz von Mariestad. 170:- SEK für einen Platz auf der Zeltwiese.
Gesellschaft bekam ich von einem älteren Mann, der mit einem Reisemoped unterwegs war. Die Unterhaltung mit ihm war nicht einfach. Ich begriff jedoch, dass der Mann aufgrund eines Schlaganfalls Sprechschwierigkeiten hatte, und durch Schweden reiste, um für einen Verein von Schlaganfall-Patienten zu werben.
Reisemoped.jpg Stolz zeigte er mir auch Zeitungsausschnitte einer Weltreise, die sein Sohn und er mit einem VW Käfer gemacht hatten.
114 km | 8:20 | 17,3 km/h

Fr. 25.05.

Statt eines Frühstücks begnügte ich mich mit zwei Becher Kaffee und radelte in die Stadt. Skulptur.jpg Am Marktplatz entdeckte ich ein Café und setzte mich dort in die Sonne, um zu frühstücken. Mein Campingnachbar hatte offensichtlich die gleiche Idee gehabt, setzte sich zu mir an den Tisch, und so zog sich das Frühstück ein wenig in die Länge.
Schließlich machte ich mich auf den Weg und radelte prompt in die falsche Richtung aus der Stadt.

Café.jpg Um 11:30 Uhr hatte ich endlich die 202 gefunden. Der folgte ich bis zum Ynsen und kam dort wieder auf den Västgötaleden, der mich, über einen Umweg von mindestens 10 km, zum Götakanal brachte. Im Café und Vandrahem Hajstorp belohnte ich mich mit einem Mittagessen direkt am Kanal.
Findling.jpg Der Weg entlang des Götakanals war geschottert und als ein wenig Wind aufkam, drohte ich in Staub und Pollen zu ersticken. Ich suchte mir eine weniger staubige Straße, die ungefähr in die richtige Richtung zu führen schien, war aber schon ziemlich lustlos und nutzte jedes erdenklich Plätzchen um zu pausieren.

See.jpg Fischerhütte.jpg Den letzten Rest an Lust raubte mir schließlich ein Straßenschild: Mariestad 45 km. Ich hatte für die Strecke 70 km gebraucht. See.jpg Auf Strömsnäs Naturcamping ließ ich mich dann nieder, genoss die Sonne und den Viken für 145:- SEK.
79,4 km | 6:45 | 15,7 km/h