Mit dem Fahrrad zum Nordkap

Nordkap-Tour Teil 1: Göteborg - Sunne

Manchmal führt diese Homepage dazu, dass wildfremde Menschen mir Nachrichten senden. So auch Oscar. Er schrieb mir von seinem großen Traum durch Lappland zu radeln. Wir wechselten einige Mails und beschlossen dann, gemeinsam zum Nordkap zu radeln.

Zum ersten Kennenlernen trafen wir uns an einem Wochenende und radelten um den Müritzsee. Das reichte zwar für einen ersten Eindruck, war aber mit einer mehrwöchigen Tour, bei der wir 24 Stunden am Tag zusammen sein würden, nicht zu vergleichen.
Wir vereinbarten so zu reisen, dass wir uns jederzeit trennen und unabhängig voneinander weiter radeln könnten. Damit konnten wir kein Gewicht, dafür aber eventuell eine Menge anderer Belastungen sparen.
Oscar wollte direkt von seiner Haustür in Neubrandenburg losfahren und mich dann in Göteborg treffen. Doch wegen des schlechten Wetters in Deutschland entschied sich Oscar kurzfristig um und wir verabredeten, uns auf der Fähre zu treffen.

Vorweg noch einige Anmerkungen:
Oscar und ich gehören zwei unterschiedlichen Generationen an. Als wir die Tour fuhren, war Oscar 20 Jahre jung, ich 48 Jahre alt, und auch unsere Vorstellungen von einer Radreise waren und sind unterschiedlich.
Oscar war grundsätzlich der Schnellere von uns beiden und fuhr entweder in meinem Windschatten, oder er fuhr weit voraus und musste dann irgendwo auf mich warten. Meine Versuche in Oscars Windschatten zu fahren sind käglich gescheitert. Zum Einen war Oscar mir zu schnell und ich hätte ständig am Limit fahren müssen, zum Anderen möchte ich ein wenig mehr von der Landschaft sehen als nur das Hinterrad meines Vordermannes.
Dafür war ich die treibende Kraft, wenn es darum ging eine Pause zu machen und irgendwo einen Kaffee zu trinken. Ich glaube, Oscar hätte auf der ganzen Tour nicht ein einziges Café aufgesucht, sondern sich mit leuchtend bunten Getränken aus dem Supermarkt begnügt.
Während Oscar auf der Tour mit jedem Gramm an Gewicht geizte, fuhr ich durchaus einige Kilogramm Komfort (z. B. ein Paar leichte Badelatschen, eine bequeme Schlafunterlage und nicht zuletzt immer eine Notration Wasser und Lebenmittel) spazieren.
Für mich gehört Campen zu einer Radreise unweigerlich dazu, für Oscar war es lediglich eine Notlösung. Er wäre durchaus in der Lage, nur mit einer Kreditkarte als Gepäckstück durch die Welt zu radeln.
Natürlich führten diese unterschiedlichen Vorstellungen unterwegs auch mal zu kleineren Krisen, die wir aber meisterten und die im Reisebericht nicht weiter erwähnt werden. Das bischen Privatsphäre sei uns gegönnt, und für große Auseinandersetzungen fehlte uns zwischen Radeln und Schlafen einfach die Zeit.
Vermutlich muss man davon ausgehen, dass ein Reisebericht von Oscar anders aussehen würde als dieser, aber da Oscar keinen Bericht schreibt, müssen interessierte Leser nun mit meiner Version vorlieb nehmen.

Mo. 08.06.

Mit der Bahn fuhr ich zum Hauptbahnhof in Kiel und radelte von dort zum Skandinavienkai. Während ich an einer Ampel warten musste, hörte ich plötzlich jemand: "Hallo Ludger!" rufen. Überrascht hielt ich nach Oscar Ausschau und entdeckte Robert, einen Hamburger Radler der auch im Radforum aktiv ist. Doch er war nicht auf den Weg in den Urlaub, sondern wollte von der Arbeit nach Hause.
Nach einer kurzen Unterhaltung fuhr ich zum Anleger, schlängelte mich an den Autoreihen vorbei und durfte schon nach kurzer Zeit auf die Fähre radeln, ohne etwas von Oscar gesehen zu haben.

Auf der Fähre suchte ich mir einen guten Aussichtspunkt und wartete darauf, ihn anradeln zu sehen. Pünktlich um 19:00 Uhr legten wir ab, doch von Oscar immer noch kein Lebenszeichen.
Ich überlegte schon, ob ich in der Rezeption nach ihm fragen sollte, da sah ich unter mir einen Kopf, der zu Oscar gehören könnte. Ein Ruf nach unten, der Kopf wendete sich nach oben und er war es.

Oscar Sonnenuntergang Wir genossen die Aussicht, aßen zu Abend und liefen viel auf dem Schiff umher, bis wir endlich müde genug waren, um Schlafen zu gehen. Wir hatten Glück, keiner von uns beiden musste seine Kabine mit jemand anderem teilen.

Di. 09.06.

Zum ersten Mal hatte ich auf einer Fähre eine Außenkabine, und die Sonne nutzte diese Gelegenheit, um mir die Nase zu kitzeln und mich schon um 5:30 Uhr zu wecken. Eineinhalb Stunden vertrieb ich mir die Zeit, bis endlich das Frühstücksbüfett geöffnet wurde. Ich aß so viel ich konnte, Brötchen mit Käse und Rührei, Müsli und einen Obstsalat, dem man scheinbar sogar den Fruchtzucker entzogen hatte. Er schmeckte einfach nur fade, und die einzelnen Obstsorten konnte man nur Aufgrund von Farbe und Form unterscheiden.
Nach dem Frühstück traf ich auch Oscar wieder. Gemeinsam konnten wir aufs Autodeck und nach dem Anlegen gleich durchstarten.

Bei strahlendem Sonnenschein und angenehmer Temperatur machten wir uns auf den Weg nach Kungälv. Wir nahmen eine ausgeschilderte Fahrradroute, die auf kleinen Straßen ziemlich parallel zur E6 verlief. Im Ort erledigten wir die ersten Einkäufe und ich bestand natürlich darauf, ein Café aufzusuchen.
Der Anblick des Salatbuffets ließ mir das Wasser im Munde zusammen laufen, aber für ein ausgiebiges Mittagessen war es noch früh. Ich begnügte mich mit einem Stück Daim-Torte zum Kaffee.

Anschließend suchten wir die Cykelspåret-Strecke die entlang des Götaälv führt. Da ich diesen Weg 2006 schon einmal suchen musste, und mich mein Erinnerungsvermögen noch nicht ganz verlassen hatte, fanden wir diesen schnell. Nachdem wir die Steigung in Kungälv bewältigt hatten, radelten wir auf kleinen Straßen bis Lilla Edet. Obwohl der Wetterbericht etwas anderes verkündet hatte, mussten wir gegen den Wind radeln.
Dabei wehte mir immer wieder der Geruch frisch gewaschener Wäsche in die Nase. Überall Waschtag und immer das gleiche Waschmittel? Das konnte ich mir kaum vorstellen und nach einigen Brisen begriff ich, dass der Geruch Oscars Kleidern entströmte. "Präge ihn dir gut ein! Wer weiß wie ich in vier Wochen rieche", fand Oscar.

In Lilla Edet suchten wir eine Pizzeria, was in Schweden oft gleichzeitig auch Dönerbude und Hamburger-Lokal ist, auf. Nach Pasta mit Geschnetzeltem in Sahnesoße machten wir uns mit sehr vollen Bäuchen auf den Weg nach Trollhättan.
Wir mieden die Stadtdurchfahrt indem wir über Båberg nach Vänersborg fuhren. Gegen 18:00 Uhr erreichten wir den Campingplatz Ursand. Selbst mit zwei Zelten mussten wir hier nur die 150:- SEK für einen Zeltplatz bezahlen.
Wir machten es uns mit Dosenbier gemütlich und gingen noch ein wenig am See spazieren, bis es Zeit zum Schlafengehen wurde. Am liebsten hätte ich noch einen Schnaps getrunken, das Pasta-Gericht lag mir immer noch wie ein Stein im Magen.

Oscar Oscar Oscar schleppte statt eines Fahrradschlosses lieber ein großes Zelt mit sich, in dessen Apside das Fahrrad während der Nacht untergebracht werden sollte. Nach zwei Versuchen hatte Oscar die perfekte Technik gefunden und fand selbst auch noch genügend Platz, um wohlig schlafen zu können.
107 km | 6:17 Std. | 17,3 km/h

Mi. 10.06.

Wer hatte nur die blöde Idee den Wecker auf 7:00 Uhr zu stellen? Beim Blick aus dem Zelt sah ich einen bedeckten Himmel und sich im Wind schwingende Bäume.
Ziemlich lustlos, aber mit möglichst viel Krach, um Oscar zu wecken, begann ich meinen ersten Kaffee zu zubereiten. Nach dem Frühstück und den üblichen Morgenritualen konnten wir gegen 10:00 Uhr losfahren.

Auf Nebenstraßen sollte es nach Mellerud gehen. Zu meiner Freude und Oscars Entsetzen begann die Strecke mit einem geschottertem Waldweg. Aber schon wenige Minuten später fuhren wir auf kleinen asphaltierten Straßen weiter.
Eine wunderschöne, angenehm wellige Strecke durch ein Waldgebiet am Vänern. Zwischendurch immer wieder kleine, beschauliche Dörfer und einzelne Höfe.

Doch einige Kilometer vor Gestad endete das Waldgebiet und wurde durch landwirtschaftlich genutzte Flächen ersetzt. Diese Strecke war ich vor drei Jahren schon einmal gefahren und, genau wie damals, waren wir dem Nordwest-Wind schutzlos ausgeliefert.
Pizza Als es dann auch noch zu regnen begann, sank meine Stimmung fast auf den Nullpunkt, doch sie stieg wieder enorm an, als wir in Mellerud eine Pizzeria fanden. Als Tagesgericht konnten wir uns eine beliebige Pizza aus dem gesamten Sortiment auswählen. Die dann servierten Pizzen waren riesig. Trotz der großen Teller führte jeder meiner Versuche sie am Rand anzuschneiden dazu, dass die andere Seite der Pizza auf dem Tisch lag.

Ab Mellerud fuhren wir auf der E45 weiter. Der Regen hatte nachgelassen, der Wind fühlte sich weniger schlimm an und der Autoverkehr war erträglich. So war das Fahren recht angenehm, bis wir an eine lange Baustelle kamen, bei der es wegen der Absperrungen zur Gegenfahrbahn ziemlich eng wurde.
Die meisten Auto- und LKW-Fahrer schafften es trotzdem auf die Gegenfahrbahn zu kommen um uns zu überholen, und wenn das nicht möglich war, blieben sie hinter uns, bis wir eine Möglichkeit fanden, um sie vorbei zu lassen.
Ein LKW-Fahrer war dazu allerdings nicht in der Lage, fuhr laut hupend eine Zeit lang hinter uns her und überholte dann mit 10 cm Abstand. Dieses Dauergehupe machte uns derart nervös, dass wir auf die Idee, selber auf die Gegenfahrbahn auszuweichen, um ihn Rechts vorbei ziehen zu lassen, erst hinterher kamen.

LadenIn Ånimskog war die Baustelle dann endlich zu Ende und wir konnten uns bei Bill's Grill and Mini Mart etwas entspannen.
Danach war die Strecke bis Åmål für uns kein Problem mehr.
Gegen 17:00 Uhr kamen wir auf dem Campingplatz in Åmål an und prompt begann es wieder zu regnen. Doch später am Abend ließ sich der Sommer erahnen, denn um 24:00 Uhr war es immer noch hell.
88 km | 5:07 Std. | 17,2 km/h

Do. 11.06.

Der Wecker klingelte um 8:00 Uhr und ich fühlte mich schon beim Aufstehen fit und voller Tatendrang. Die Temperatur war angenehm, doch der Himmel zeigte sich nur in unterschiedlich dunklen Grautönen.

Wasserturm Um 10:30 Uhr machten wir uns auf den Weg. Einige Kilometer fuhren wir auf dem Radweg an der E45 und dann auf einer ruhigen Nebenstrecke nach Säffle.
Hier wollte ich natürlich eine kurze Kaffeepause einlegen. Oscar nutzte die Gelegenheit, um sich Getränke zu kaufen. Seine 0,75 l Flasche war doch recht schnell leer.

Auf der E45 radelten wir weiter, mussten aber auf Nebenstraßen ausweichen, als diese auf die E18 traf und zur Autobahn wurde. Wir kamen nach Grums, kauften Bananen und Getränke im Supermarkt und wandten uns wieder der E45 zu.
Zwischen Vålberg und Fagerås wirkte die Straße durch den breiten Seitenstreifen fast wie eine Autobahn. Wir hatten den Seitenstreifen für uns alleine und konnten eine nahezu berauschende Abfahrt genießen. Leider endete hinter Fagerås der Seitenstreifen. Auch der Verkehr stieg an, war aber noch gut auszuhalten.
Nasse Straßen Wir fuhren bis nach Västra Ämtervik, verließen kurz den Inlandsväg und fuhren, große Pfützen umfahrend, zum Lanthandel. Oscar musste dringend neue Getränke kaufen. Er fand die Gegend hier schon recht einsam und schien langsam zu verstehen, warum ich immer eine zusätzliche Flasche Wasser dabei hatte. Für mich gab es hier als Zwischenmahlzeit Brot mit Tubenkäse.

Wir fuhren weiter bis zum Campingplatz nach Sunne.
Die Rezeption war geschlossen und wir mussten bis zur am weitesten entfernten Tankstelle des Ortes fahren, um die Schlüssel zu bekommen.
Uns begegneten viele Jugendliche mit weißen Mützen, die johlend in ihren Autos durch den Ort fuhren. Was war hier nur los? Nach unseren Berechnungen war Mittsommer doch erst in einer Woche.
Campingplatz Der Campingplatz war der Hässlichste, den ich bis dahin gesehen hatte. Auf nassem Rasen stellten wir die Zelte auf und freuten uns, weil wir den ganzen Tag über keinen Regentropfen abbekommen hatten.
Zeichnung Während wir kochten und aßen, bekamen wir Besuch von zwei Frauen, die in einer der Hütten wohnten. Sie hatten gerade ein: "Hej" über die Lippen gebracht, dann hielten sie auch schon ihr Köpfe in unsere Kochtöpfe.
Zum Glück fanden sie, dass die Tütennudeln aussahen wie Hundefutter und zogen wieder von dannen. Sonst hätten wir unser Essen vermutlich gegen sie verteidigen müssen.
Von einer der unbewohnten Hütten liehen wir uns eine Sitzbank mit Tisch aus und verbrachten darauf einen gemütlichen Abend.
120 km | 6:12 Std. | 19,7 km/h