2. Teil der Radreise durch Polen

Löcknitz - Stettin - Morzyczyn

Mit den besten Wünschen meiner niederländischen Campingnachbarn, und der Sorge bei dem dichten Nebel von den Autofahrern nicht gesehen zu werden, machte ich mich am Morgen auf den Weg. Ich hatte nur wenige Kilometer geschafft, da begann mein Rad plötzlich zu ruckeln. So ein Mist! Schließlich hatte ich das Hinterrad wegen einer vermeintlichen Delle vor der Tour noch extra richten lassen. Da würde ich wohl zum Speichenschlüssel greifen müssen. Doch was ich dann sah, übertraf meine Befürchtungen. Die Felge war eingerissen.
In Löcknitz war mir keine Fahrradwerkstatt aufgefallen. So ließ ich ein wenig Luft aus dem Reifen, radelte vorsichtig weiter und kam ohne Stopp oder Formalitäten nach Polen.

Gleich hinter dem Grenzübergang fanden sich zwar jede Menge Geschäfte, aber ein Geschäft für Fahrräder oder ähnliches sah ich nicht. Alles Andere war mir nun wirklich egal und ich setzte alle meine Hoffnungen auf Stettin.
Dort angekommen musste ich an einem riesigen Friedhof vorbei. Die Fahrbahn war für die Autofahrer und mich zu eng, der Rad- und Fußweg von Blumenverkäufern belegt. Irgendwie schlängelte ich mich durch dieses Getümmel und stand dann wirklich vor einem Fahrradgeschäft. Hier zeigten sich dann die ersten Sprachbarrieren. Selbst mit Händen und Füßen konnte ich dem Händler nicht beibringen, dass ich statt einer Felge sogar ein komplettes Laufrad kaufen würde.
Also weiter suchen. Ein Passant beschrieb mir einen Laden, den ich aber nicht fand; ich fragte ein deutsch aussehendes Radlerpärchen und denen war tatsächlich ein Laden aufgefallen. Der freundliche Händler besah sich den Reifen, hatte aber auch nichts passendes und verschwand redend und gestkulierent wieder im Laden.
Zum meinem Glück hatte uns ein Kunde beobachtet und mir erklären, dass der Händler mir nur eine Adresse aufschreiben wollte. Mit der Adresse konnte ich trotz des GPS-Empfängers nicht viel anfangen; wie gibt man Abkürzungen von polnischen Straßennamen so ein, dass das Ding sie erkennt? Aber der Händler hatte die einfache Strecke auch beschrieben. Ich müsste nur der Straßenbahn folgen, bis sie beim dritten Kreisel rechts abbiegt.
Natürlich musste ich nach dem zweiten Kreisel die Straßenbahn wieder suchen, aber beim Dritten führten nicht mehr benutzte Gleise direkt auf den Hof des Radhändlers, und dort bekam ich endlich mein neues Laufrad. Für 429,- PLN nahm ich vorsichtshalber das teurere der beiden angebotenen Laufräder, was mir aber ziemlich peinlich wurde als ich begriff, dass der Einbau (einschließlich säubern und tauschen des Ritzelpaketes) nur 10,- PLN kostete. Wie sollte der Mechaniker sich jemals so ein Rad leisten können?

Kahn Ich verließ die Innenstadt, fuhr über die Oder und war ziemlich irritiert, weil die Papier- und GPS-Karte in meinem Kopf nicht synchronisiert kriegte. Schließlich begriff ich, dass meine Papierkarte offensichtlich nicht auf dem neuesten Stand war, und ich zudem eine Brücke weiter südlich als ich gedacht hatte, angekommen war.
Dann konnte ich mich wieder orientieren und fuhr auf der ruhigen 119 bis nach Gardno. Dort gab es an der Straße einen kleinen Laden in dem ich mich mit Proviant versorgte. Ich hockte mich vor dem Laden in die Sonne, um meinen ersten polnischen Proviant zu probieren, da bekam ich vom nächsten vorbei gehenden Kunden ein: "Kurwa!" entgegen geschleudert. Ich schaute mich um und blickte einem Typen ins Gesicht, der darauf hin grinsend von dannen zog. Etwas irritiert probierte ich nun von den eben erstandenen Keksen. Einfach göttlich! Den Namen dieser Kekse konnte ich mir nicht merken, aber die Verpackung prägte ich mir genau ein.
Danach wechselte ich auf die 120 und fuhr in nordöstlicher Richtung weiter.
Acker Über Stare Czarnowo radelte ich bis nach Kobylanka, wo ich die 120 dann verließ um zum Campingplatz in Morzyczyn zu kommen. Auf diesen kleineren Straßen war das Radeln sehr angenehm und seltsamerweise fühlte ich mich sicher, obwohl die Autofahrer beim Überholen kaum einen seitlichen Abstand hielten. Ich kam durch einige kleine Orte, und in jedem schien es einen kleinen Tante Emma Laden zu geben. Um Proviant würde ich mich also nicht sorgen müssen.
Es war Samstag abend und sehr ruhig war es auf dem Campingplatz nicht. Wie würde es hier wohl in lauen Sommernächten während der Ferien sein?
95 km | 6:07 Std. | 15,63 km/h

Morzyczyn - Lobez - Swidwin

Straße Bevor ich mich bei strahlendem Sonnenschein auf den Weg machen konnte, kam aus einem Wohnwagen ein Mann auf mich zu gestürmt, um mir Glück für die Reise zu wünschen. So richtig einordnen konnte ich das nicht. Handelte es sich einfach nur um eine nette Geste? Oder hielt er Radfahren in Polen für so gefährlich, dass ich Glück brauchen würde?
Mein erstes Ziel für den heutigen Tag war eine Apotheke. Nachdem ich auch gestern Abend wieder vor den Mücken flüchten musste, brauchte ich unbedingt ein Abwehrmittel. Wieder hatte ich den Eindruck, mehr Mücken zu haben als auf meiner Nordkap-Tour. Natürlich waren sämtliche Mittelchen hier ausverkauft, doch in Stargard Szczeciński wurde ich dann glücklicherweise fündig.
Wegekreuz Allee Nun, etwas besser ausgerüstet, begab ich mich auf die Straße 146, und folgte ihr über 20 km Richtung Norden bis nach Jenikowo. In östlicher Richtung folgte ich der Straße bis nach Lobez. Insgesamt eine schöne ruhige Strecke, vorbei an vielen Äckern, aber immer wieder von kleinen Wäldchen unterbrochen. In einigen kleinen Dörfern machte ich Halt um in den Dorfläden einzukaufen, nur Cafés konnte ich keine entdecken. Dabei hätte kein besseres Wetter für ein nettes Straßencafé sein können. Stattdessen entdeckte ich hinter Strzmiele einen See mit einem schönen Pausenplatz.

See Ich hatte 80 km auf dem Tacho, fühlte mich topfit und das Wetter war klasse. So beschloss ich kurz vor Lobez noch weiter bis nach Swidwin zu fahren. Eigentlich hatte ich mit einer größeren Straße und mehr Verkehr gerechnet und war begeistert von der ruhigen Strecke. Recht schnell bemerkte ich, dass ich mich nicht auf der 151 sondern auf der 148 bewegte. Aber da ich nicht gerne zurück fahre, nahm ich lieber den Umweg über Starogard in Kauf. So wurden aus 23 km 37.
In Swidwin angekommen, ließ ich mir von einem flanierenden Ehepaar den Weg zum Campingplatz Bukowiec (Buchholzsee) erklären.
Doch alles was ich fand war ein Hotel, in dem gerade eine Kindtaufe gefeiert wurde. Ein Gast, vermutlich der Vater des Kindes, bot mir Hilfe an und holte die Chefin des Hotels. Diese wiederum erklärte mir, das ich dort für 20,- PLN campen könnte, die Duschen aber im Hotel nutzen müsste. Dann holte sie einen älteren Mann, der mich schließlich, durch eine Amphitheater und an einigen Bungalows vorbei, zu einer kleinen Wiese mit Feuerplatz führte. Dabei redete er ununterbrochen auf mich ein, aber außer Berlin und Frankfurt verstand ich kein Wort.
Theaterplatz Glücklicherweise zeigte mir der gute Mann auch eine Abkürzung zum Hotel, sonst wäre ich auf dem Weg zur Dusche vermutlich zusammen gebrochen. Den umständlichen Weg hatte er gewählt, damit ich mein Rad nicht die Treppe hoch wuchten musste.
119 km | 6:36 Std. | 18,02 km/h

Swidwin - Szczecinek - Bialy Bór

Zum Glück kamen die Bauarbeiter, die offensichtlich einige Bungalows wieder auf Vordermann bringen sollten, erst als ich schon am Frühstücken war. Vom Baulärm wäre ich nicht gerne geweckt worden.
Da ich mir in der Nacht überlegt hatte, für den Rückweg vielleicht eine Fähre zu nehmen, steuerte ich als erstes ein Internetcafé in Swidwin an. Zwar fand ich einige Fährverbindungen, nur das Buchen funktionierte nicht. Vorsichtshalber notierte ich mir die Telefonnummern der Linien und machte mich wieder auf den Weg. Nach meinen guten Erfahrungen mit dreistelligen Straßennummern, suchte ich mir einfach entsprechende Straßen, die ungefähr nach Osten führten.
Schild Nach 28 km bei gutem Wetter und nur leichtem Gegenwind kam ich in Polczyn Zdrój an, das gar nicht so winzig war wie mir meine Straßenkarte weismachen wollte. Ich schaute mich ein wenig im Ort um, und als ich sogar ein geöffnetes Lokal fand, legte ich hier eine Pause ein. Dank der deutschen Speisekarte konnte ich mir, nur mit einem Fingerzeig, sogar etwas zu essen bestellen.
Danach duchradelte ich ein ziemlich großes Waldgebiet, stieß dabei immer wieder auf Pilzsammler, und kam über Barwice nach Szczecinek. Dort fiel mir, versteckt hinter Bäumen, ein Glockenturm auf. Den wollte ich mir genauer anschauen und kam ziemlich ins Staunen. Der Turm gehörte zu einer riesigen Kirche und um die Kirche herum war, fast in Lebensgröße der Kreuzweg Jesu aufgebaut.
Kirche Madonna Golgatha Kirche Kirche Kreuz Ich folgte der Straße, während sich über mir erste dunklen Wolken sammelten. Am Beginn einer Fußgängerzone fand sich ein Supermarkt und ich deckte mich mit Lebensmitteln ein, bevor ich durch die Fußgängerzone schob. Dann radelte ich an den See, um noch vor dem Regen am Campingplatz anzukommen.
Von einem älteren Herrn wurde ich dort aufgeklärt: "Sie haben den Platz zwar auf iher Karte, aber der ist noch in Planung. Sie sind zu früh gekommen." Wunderbar, was für eine blöde Karte hatte ich da nur erwischt? Fehlende Straßen und Campingplätze, die es irgendwann einmal geben soll. Ich fuhr weiter und der Regen begann. Doch dann sah ich an einem Haus ein Schild auf dem groß und deutlich Camping stand. In der Hoffnung auf einen Gartencampingplatz klingelte ich am Hoftor, nur um dort zu erfahren, dass das Schild für einen Campingplatz, weit entfernt und in südwestlicher Richtung, warb.
Ich fuhr weiter, nun Richtung Norden, und der Regen wurde stärker. In den Spurrillen der Fahrbahn floss das Wasser wie in strömenden Wildbächen. Trotz Spritzschutz am vorderen Schutzblech waren meine Schuhe in kurzer Zeit mit Wasser gefüllt. Hin und wieder, kamen mir Autos entgegen und ich bekam das Wasser aus deren Spurrillen schwallweise über gegossen. Doch ich war inzwischen an einem Punkt, an dem mich das alles nur noch amüsierte und radelte lieber weiter anstatt mein Zelt am Waldrand aufzuschlagen.
So kam ich bis nach Bialy Bór, wo es laut Archie einen Campingplatz geben sollte, doch das Navi führte mich in eine Sackgasse ohne Campingplatz. Ich erkundigte mich in einer Gaststätte, dann in einer Tankstelle, und schließlich fand ich die richtige Straße zum Kanucamp. Welch ein Unglück, der Platz hatte schon geschlossen!
Doch ich hatte Glück im Unglück, der Eigentümer war wegen Aufräumarbeiten vor Ort und lud mich ein, die Nacht dort zu bleiben. Nicht einmal einen kleinen Obolus durfte ich bezahlen.
109 km | 6:27 Std. | 16,98 km/h

Bialy Bór - Polanów - Gaski

Von lautem Gerumpel wurde ich aus dem Schlaf gerissen. Ich schaute aus dem Zelt und sah, dass schon Kanus und Kajaks verladen wurden. An Schlaf war bei dem Lärm nicht mehr zu denken! Kurz entschlossen stand ich auf und machte mir meinen Kaffee. Als ich eine Stunde später am Packen war, kam ein neugieriger Spaziergänger vorbei und ich musste ihm Rede und Antwort stehen. Offensichtlich war er noch nie weiter als bis zum Nachbarn oder zur Kneipe geradelt. Fasziniert sah er zu, wie ich mein gesamtes Hab und Gut auf dem Rad verstaute und wünschte mir staunend eine gute Reise.
Rastplatz Rastplatz Ich nahm eine nicht nummerierte Straße nach Norden, die mich durch landwirtschaftlich genutzte Flächen und durch Wälder bis nach Miastko führte. Dort wechselte ich auf eine noch kleinere Straße, die durch viel Wald und kleine Dörfer Richtung Nordwesten verlief. Und hier, wo ich außer Pilzsammlern niemanden traf, fand ich einen liebevoll angelegten Rastplatz. In wenigen Tagen in Polen habe ich mehr Pilzsammler gesehen, als zuvor in meinem ganzen Leben. Wenn ich doch auch nur ein kleines bisschen Ahnung davon hätte.
Steg In Polanów schließlich entdeckte ich sogar ein geöffnetes Café. Die Bedienung wischte, putzte und ließ sich dabei durch mich nicht stören. Freundlich fragte ich nach Kaffee, der Junge ging zur Maschine und stellte fest, dass es 20 Minuten dauern würde, wenn er die Maschine jetzt anstellen würde. Das war mir zu lange und ich ließ ihn weiter putzen.
Auf einer, mehrere Kilometer langen Allee radelte ich - jetzt schon stark Richtung Westen - weiter. Eine Strecke, an der es mehr katholische Bilder als Verkehrsschilder gab. Bevor ich Koszalin erreichte, wurde ich zwei Mal, selbst für polnische Verhältnisse, sehr knapp überholt. Ich durchfuhr den Ort und war kurze Zeit später an der Ostsee. Wie wird es hier wohl im Hochsommer sein?
Baumstamm Schild Außer jeder Menge verlassener Campingplätze gab es fast nichts zu sehen. Schafe oder Kühe werden hier im Sommer kaum Platz finden. Und für mich gab es jetzt scheinbar auch kein Plätzchen. Ich fragte einen Bauern, auf dessen Rasen noch einige Wohnwagen standen, bekam aber nur ein: "Saison vorbei!" zur Antwort. Aber versteckte Ecken oder kleine Wäldchen zum wild campen gab es hier auch nicht.
Also zum nächsten Hof mit Campingplatz. Hier musste erst einmal die Mutter angerufen werden. Doch die Mama war nett, ich durfte bleiben und sie würde mir die Duschen aufschließen, sobald sie heim käme. Auf die Dusche konnte ich warten, denn vom dauernden Nieselregen waren meine Hände schon ganz schrumpelig.
Später, im trockenen Zelt, stellte ich beim Blick auf die Karte fest, dass mich mit den Entfernungen verkalkuliert hatte. Ich war ja schon fast wieder in Deutschland.
113 km | 6:42 Std. | 16,9 km/h