Hamburg - Harz 2011

Von Rotenburg/Wümme zur Allerquelle

In diesem Jahr musste ich meinen Urlaub aus persönlichen Gründen in Deutschland verbringen. Mit „Der Weg ist das Ziel“ bin ich auf meinen bisherigen Touren nur selten glücklich geworden, und so musste ein Ziel her.
Ich beschloss, eine Radreise zur Jugendburg Ludwigstein zu machen, wo vom 16.09. bis 18.09 ein Treffen des Outdoorforums stattfinden sollte.
Auf den Flussradwegen entlang der Aller, Bode, Saale und Werra wollte ich dorthin radeln. Doch das Wetter in Hamburg war alles andere als motivierend, und so verzögerte sich meine Abreise nochmals um einige Tage. Ich suchte noch einige Abkürzungsmöglichkeiten, und als ich vom Warten auf gutes Wetter die Nase voll hatte, startete ich in den Urlaub.

10.09.

Am Morgen des 10.09. setze ich mich - nur drei Stunden später als geplant - aufs Rad, fahre zum Hamburger Hauptbahnhof, und von dort mit dem Zug nach Rotenburg/Wümme.
Nach der langen Zugfahrt (immerhin fast eine Stunde) brauche ich erst einmal einen Kaffee. Anschließend suche ich die nächste Sparkasse auf, da ich vermute in den nächsten Tagen weiteres Bargeld für – Kaffee natürlich - zu benötigen. Dann endlich geht es wirklich auf Radreise.

Für die Strecke von Rotenburg nach Verden hatte ich mir bei Naviki einen Track herunter geladen, dem ich einfach nur folgen will. Über die Wegbeschaffenheit weiß ich nichts, und bei einigen Teilstücken bin ich mir nicht einmal sicher, ob Radfahren dort überhaupt möglich ist, da ich dort auf Opencyclemap nicht einmal einen Pfad entdecken konnte.
Aber was wäre ein Urlaub ohne Überraschungen?

Radroute.jpg Ungefähr 2 km radle ich auf einem Radweg an einer großen Straße entlang, dann geht es auf Nebenstraßen weiter, und ich bin begeistert von der Strecke, die Naviki mir gesucht hat.
Radroute.jpg Arge Bedenken kriege ich jedoch, als es auf Wirtschaftswegen in den ersten Wald geht. Auch Naviki kann nur mit dem navigieren, was andere Radler vorher als radfahrtauglich eingegeben haben, und so wechselt die Straßen- bzw. Wegbeschaffenheit immer wieder.
Rastplatz.jpg Da ein Teil der Strecke zur „Radtour Langwedel erfahren“ gehört, gibt es sogar einen gemütlichen Rastplatz an dem ich, auf dem Weg zur Storchenpflegestation, eine kurze Pause einlege.
Storchenpflegestation.jpg Von einem Radlerpärchen, mit dem ich mich bei der Storchenpflegestation eigentlich ganz nett unterhalte, werde ich zur Eile gedrängt als sie hören, dass ich noch 80 km bis nach Winsen/Aller vor mir habe: „Dann wird’s jetzt aber Zeit, ist gleich viertel nach Eins!“ Zehn Minuten später überquere ich in Verden die Aller und fahre nun auf dem Allerradweg weiter. Aller.jpg

Aller.jpg Das Wetter könnte kaum besser sein, und bei Wochenend und Sonnenschein sind eine Menge Radler und Spaziergänger unterwegs. Selten habe ich so viele gut gelaunte Menschen an einem Tag gesehen. Den sich windenden Fluss bekomme ich allerdings nicht sehr häufig zu Gesicht. Sonst wäre die Strecke mindestens drei Mal so lang geworden.
Allerradweg.jpg Auf gut ausgebauten Nebenstraßen, aber auch auf Wirtschafts- und Waldwegen radele ich, natürlich meistens gegen den Wind, bis zu einem Dorf, in dem gerade eine Erntedankparade stattfindet. Um überhaupt weiter zu kommen, reihe ich mich in diese Parade ein.
Inzwischen ziemlich hungrig, bin ich höchst erfreut, als die Parade auf einem Festplatz endet, auf dem auch eine Imbissbude steht. Als dann aus dieser Bude auch noch ein ziemlich schnuckeliger Kerl tritt und mich strahlend begrüßt, schmelze ich förmlich dahin... bis ich das Schild mit den Öffnungszeiten sehe.
Wegen eines grinsenden Pommesverkäufers soll ich hier verhungern?

Ziemlich enttäuscht steige ich wieder aufs Rad und fahre weiter, bis ich in Rethem endlich ein Speiselokal erblicke. Ich bestelle ein „Was am schnellsten geht,“ bekomme ein riesiges Döner und bin mit der Welt wieder versöhnt. Während des Essens fällt mir auf, dass ich bisher nur drei Müsliriegel gegessen habe.
Eigentlich hätte ich längst vom Rad fallen müssen.
Allerradweg.jpg Allerradweg.jpg Wieder zu Kräften gekommen, dafür aber mit viel zu vollem Bauch, steige ich mühsam wieder aufs Rad. Ich rechne nicht damit, noch weit zu kommen, genieße aber das schöne Wetter, die Aller und die Fahrt durch Wald und Flur. Selbst die Schlaglochpisten können mich kaum stören.
Schafe.jpg Allerradweg.jpg So radele ich doch noch 40 km, bevor mich,am Ölberg bei Wietze, endgültig die Lust verläßt. Lediglich das Wissen, kurz vor dem Ziel zu sein und mir Schweiß, Staub und Kunstdünger abduschen zu können, lassen mich noch weiter zum Campingplatz in Winsen strampeln.
113 km Allerradweg.jpg

11.09.

Schon gleich beim Aufstehen lacht mich die Sonne an und verspricht mir einen schönen Tag.
Statt selbst den Ofen zu feuern, setze ich mich lieber auf die Veranda des Campingplatz-Lokals und trinke dort meinen Kaffee. Schon dabei läuft mir der Schweiß in Strömen durchs Gesicht. Trotzdem mache ich mich bald auf den Weg.
Allerradweg.jpg Während es mir viel zu heiß ist, scheinen andere Leute die Hitze zu genießen. Auf dem Allerradweg sind ziemlich viele Radler unterwegs und zeitweise kann ich mich nur klingelnd und schimpfend einen Weg durch entgegen kommende Gruppen bahnen.

Allerradweg.jpg Als ich in Hambühren, direkt am Radweg ein Lokal entdecke, muss ich natürlich einkehren. Immerhin bin ich schon 10 km gefahren und habe noch nicht gefrühstückt.
Eigentlich würde das Lokal erst in einer Stunde öffnen, aber eine Kleinigkeit könne man mir sicher richten, bekomme ich auf meine Anfrage zur Antwort. Meine Kleinigkeit zum Sonntagsfrühstück ist dann eine große Portion Bratkartoffeln mit Spiegelei.
Bevor ich weiter fahre, befestige ich meinen Fahrradhelm auf einer Packtasche. Zwar komme ich mir so oben ohne ziemlich nackt vor, aber bei der Hitze ist so ein Helm auf dem Kopf mehr als lästig.

Die nächsten Kilometer führt der Weg führte durch ein ruhiges Waldgebiet, und bevor ich Celle erreiche, habe ich mich an das nackte Radeln gewöhnt.
Celle empfängt mich mit einer langen Baustelle und einer Umleitung durch die Fußgängerunterführung des Bahnhofs. Fußgängerunterführung, das klingt nicht gut! Aber, welch ein Wunder, die Unterführung ist ebenerdig. Kurze Zeit später bin ich wieder an der Aller und teile mir einen Uferweg mit viel zu vielen Ausflüglern.
Allerradweg.jpg Schon nach 4 km ist es vorbei mit dem Uferweg und ab Osterloh fahre ich, überwiegend auf Nebenstraßen, von einer Seite der Aller auf die andere. Bei diesem hin und her fühle ich mich, als ob ich mich in Schleifen, genau entgegen gesetzt zu den Windungen der Aller, bewege.
Je weiter ich mich von Celle entferne, umso seltener begegne ich anderen Ausflüglern. Die wenigen noch verbliebenen Radler, kommen mir hinter Oppershausen in einer einzigen Schar entgegen.

Auf dem Weg nach Langlingen habe ich schon fast den Eindruck, allein unterwegs zu sein. Aber es sitzen dort zwei Frauen vor einem Supermarkt. Richtig vermutet, hier gibt es Kaffee und Kuchen für mich. Der Platz ist nicht schön, die Schatten werden blasser und die Wolken dunkler, und so mache ich mich recht schnell wieder auf den Weg.
Allerradweg.jpg Auf Schotterpfaden, die man dankenswerterweise neben den Sandwegen angelegt hat, radle ich durch die Wälder. Eine Frau, die hier mit ihrer Enkelin unterwegs ist, hat offensichtlich weniger Sorge nass zu werden als ich: „Fahr nicht so schnell! Gleich bist du müde und dann muss Oma dich wieder schieben,“ ermahnt sie die Enkelin.

Allerradweg.jpg Allerradweg.jpg Wieder auf festen Straßen gelange ich nach Gifhorn. Ich ärgere mich zwei Mal über die seltsame Radwegführung, dann bin ich auch schon wieder außerhalb der Stadt. Eine halbe Stunde später unterquere ich den Elbe-Seiten-Kanal und fahre durch das Naturschutzgebiet Barnbruch. Nur hin und wieder bekomme ich einen einzelnen Regentropfen ab. Allerradweg.jpg

Als ich den Mittellandkanal überquere, werden die Wolken noch dunkler und hinter Fallersleben beginnt es zu schütten.
Wolfsburg.jpg Die Route führt nun durch einen hügeligen, dunklen und regennassen Wald nach Wolfsburg. Sowohl im Wald, als auch in Wolfsburg hätte ich mich ohne den GPS-Track vermutlich gnadenlos verfahren. Es gibt jede Menge Fahrrad-Schilder mit grünen Pfeilen, aber ich sehe keinen mit einer Richtungsangabe.
Ohne der Volkswagen-Arena – in der gerade ein Fußballspiel stattfindet - eines Blickes zu würdigen umrunde ich diese und erreiche schließlich, nass bis auf die Knochen, den Campingplatz am Allersee.
97 km

12.09.

Volkswagen-Arena.jpg Phaeno.jpg Ich lege einen Pausentag ein, um einige wichtige persönliche Dinge zu erledigen. Das geht dann aber doch schneller und einfacher als ich gedacht, und so vertreibe ich mir die Zeit mit einem Spaziergang in der Stadt und dem Besuch der Autostadt.
Autostadt.jpg Autostadt.jpg Autostadt.jpg Autostadt.jpg Autostadt.jpg Autostadt.jpg

 

Bisher hatte ich immer gedacht, Autostadt wäre ein Synonym für Wolfsburg. Die Autostadt ist für mich recht uninteressant und so verzichte ich auf Besuch der einzelnen Pavillons.
Leider hole ich mir beim herum schlendern auf dem hübsch angelegten, aber auf mich sehr steril wirkendem, Gelände einen Sonnenbrand auf der Glatze.

13.09.

Um 9:40 Uhr verlasse ich den Campingplatz, für meine Verhältnisse, recht früh. Dafür habe ich aber auf meinen Morgenkaffee verzichtet, weil ich in Wolfsburg ein Café aufsuchen will. Doch als ich eine Ausschilderung des Allerradwegs sehe, verzichtete ich auf den Kaffee und folge, über mich selbst staunend, der Ausschilderung. Es geht tatsächlich: Ich kann auch ohne Kaffee Rad fahren!
Allerradweg.jpg Allerradweg.jpg Nach ungefähr sechs Kilometern sehe ich in Vorsfelde einen sonnigen Platz mit Tischen, Stühlen und Kaffee trinkenden Menschen. Hier hole ich meine Frühstückspause nach und frage mich, ob ich den Kocher und das Pfund Kaffee auf dieser Tour vergebens mit schleppe.
Allerradweg.jpg Durch Wald und Feld radelte ich weiter, zuerst über matschige Waldwege, dann auf glatt asphaltierten Straßen.

 

Allerradweg.jpg Allerradweg.jpg In Grafhorst bekomme ich endlich wieder die Aller zu sehen. Jedoch nur, weil ich sie wieder einmal überqueren muss. Ich finde, es ist schon deutlich zu sehen, dass ich mich der Quelle nähere.
Ab Oebisfelde verläuft die Strecke, nur hin und wieder von kleinen Ortschaften und winzigen Wäldchen unterbrochen, nur zwischen riesigen Ackerflächen hindurch.
Hinter Lockstedt ist die Aller schon wieder deutlich schmaler.

Allerradweg.jpg Allerradweg.jpg Und weiter geht es zwischen großen Ackerflächen hindurch, wobei ich mit dem Wind zu kämpfen habe. Doch werde ich für diese Anstrengung entschädigt, indem ich mir meinen zusätzlichen Energiebedarf quasi während der Fahrt von den Bäumen pflücken kann. Äpfel, Birnen und Zwetschgen, wie ich sie köstlicher noch nie gegessen habe.
Allerradweg.jpg Allerradweg.jpg Ich genieße dieses zusätzliche Nahrungsangebot, freue mich aber fast noch mehr, wenn die Ackerflächen mal durch Wälder unterbrochen werden. Zwar komme ich auf den Waldwegen nicht nicht unbedingt schneller voran, aber ich muss weniger gegen den Wind kämpfen.

Allerradweg.jpg Allerradweg.jpg Allerradweg.jpg Allerradweg.jpg Allerradweg.jpg Sogar eine richtig gute Talfahrt wird mir einmal beschert. Natürlich ist sie viel zu schnell vorbei. Dann geht es durch eine angenehm hügelige Landschaft weiter, bis ich von gleißend weißen Hügeln geblendet werde: Das ehemalige Kalibergwerk „Schacht Marie“.
Wenige Minuten später folgt die Konsequenz der schönen Talfahrt. Kurz aber heftig muss ich bergauf strampeln. Schon fast oben angekommen, sorgt feuchtes Moos auf dem Pflaster dafür, dass mein Hinterrad durchdreht und ich absteigen und mein Rad schieben muss. Auch wenn es nur wenige Meter sind, ich hasse es, meinen beladenen Trecker bergauf schieben zu müssen!
Oben erwartet mich ein Pärchen, welches eine Pause von der Autobahn macht und mich nun interessiert fragt, was ich vor habe. Als sie hören, dass ich zur Allerquelle will, kommt ein erstauntes: „Quelle? Jetzt wo Sie es sagen fällt mir auch ein, schon mal von einem Fluss Aller gehört zu haben. Ich hatte Allerradweg als Radweg für alle gedeutet.“
Marienborn.jpg Marienborn.jpg Nach kurzem Geplänkel radle ich weiter, entdecke ein Hinweisschild zur Gedenkstätte Marienborn und mache einen Abstecher zum ehemaligen deutsch-deutschen Grenzübergang.

Allerradweg.jpg In Wefensleben ärgere ich mich furchtbar, weil mich der Radweg ungefähr 3 km, auf schlechter Wegstrecke, bergauf und wieder bergab um den Ort herum führt. Den Umweg hätte ich mir gern erspart, zumal ich Hunger habe und zum Einkaufen wieder zurück in den Ort muss. Allerquelle.jpg Gut gestärkt schaffe ich nun auch die nächsten Äcker und endlich erreiche ich die Allerquelle.

Nun muss ich nur noch eine Übernachtungsmöglichkeit finden. Nach den vielen staubigen Äckern sehne ich mich nach einer warmen Dusche, und als mir in Eggenstedt sogar ein ganzes Haus zur Dusche geboten wird, kann ich natürlich nicht: „Nein" sagen. Ich schlafe im Lehrerzimmer, schaue mir aber auch noch ein anderes Zimmer an und denke gleich an meine ersten Klassenreisen.
87 km