Hamburg - Harz 2011

Von der Allerquelle bis in die ODS-Zeltstadt

14.09.

Und wieder ein Morgen, an dem mein Kocher nicht zum Einsatz kommt, denn pünktlich um 9:00 Uhr ist der Frühstückstisch für mich gedeckt. Im Hintergrund läuft leise Radio Brocken, das sich als Samariter betätigt, weil immer noch einige Dächer mit Planen bedeckt werden müssen.
betonplatten Ich schließe daraus, dass es irgendwo im Harz noch stärker gestürmt haben muss, als auf meinem bisherigen Weg.
Um 10:30 Uhr starte ich durch und befinde mich schnell auf einem entsetzlich befestigten Radweg: Betonplatten mit mehr Loch als Beton.

 

Kirche kleine Straße Ich bin entsetzt, doch zum Glück dient dieser Belag nur dazu, eine kurze Wegstrecke zu überbrücken. Wieder kleine Orte, riesige Äcker, leckeres Obst und viel Wind, gegen den ich mich bis zur Bode durchkämpfe.
Schilder Ungefähr 35 km folge ich dem Boderadweg, der für einen Flussradweg relativ viel am Fluss entlang führt. Die Beschilderung ist nicht immer eindeutig, die Wegbeschaffenheit unterschiedlich, aber insgesamt finde ich ihn sehr angenehm zu fahren.

 

Bode Bode Bode

 

Radweg

Am Löderburger See bestaune ich schmunzelnd zwei Mädel, die sich ausgerechnet den gepflasterten Parkplatz als Liegefläche zur Sonnenanbetung ausgesucht haben, und werde von ihnen gleich als Gaffer beschimpft.
Wasserturm Unentschlossen über meinen weiteren Weg, sehe ich mir bei einer Kleingartensiedlung eine Infotafel an und werde von einem Kleingärtner eingeladen, seinen Garten mit direktem Zugang zur Bode, zu besichtigen.
Der Mann erzählt vom letzten Hochwasser, betrauert die Abwanderung junger Leute aus der Gegend und informiert mich, dass die Obstbäume am Wegesrand zu DDR-Zeiten einzeln verpachtet wurden.
Dank ODS lerne auch ich nie aus:

»Im Westen ebenso und wird es in einzelnen Gemeinden heute noch immer - zum Beispiel hier bei uns. Es ist nur nicht mehr so bekannt und führt dann zu Konflikten, weil andere denken, dass die Alleebäume zum Freien bedienen für alle wären (jenseits des Naschens), während andere für die Ernte schon ihre Pacht bezahlten. Betrifft vor allem Apfelbäume zum Entsaften.«
»Man kann sie zum Beispiel auch bei ebay ersteigern. Wir pachten uns jedes Jahr einen Baum.«

Radweg Nach dieser kurzen Ablenkung bin ich entschlussfreudiger. Ich wechsle schon hier auf den Europaradweg R1. An Bode und Saale weiter zu fahren fände ich zwar reizvoll, aber dann würde ich es sicher nicht mehr rechtzeitig zum ODS-Treffen schaffen.

Kloster Kloster Auf einer angenehm zu fahrenden Landstraße radle ich durch Winningen und pausiere wenig später an einem Baggersee. Am liebsten würde ich hier mein Zelt aufgeschlagen, so fertig fühle ich mich nach noch nicht einmal 60 km.
Doch nach zwei Schokoriegeln kann ich wieder aufsteigen, radle 3 km und entdecke neben einem schlechten Radweg einen Hinweis auf eine Einkaufsmöglichkeit in Neu Königsaue.
Radwegschilder Rastplatz Hoch motiviert radle ich durch den Ort und stehe plötzlich vor einer Seniorenwohnanlage: „Den Markt gibt’s schon lange nicht mehr, aber im nächsten Ort gibt es noch einen.“ Die Betonung in dieser Aussage liegt eindeutig auf dem noch. In Schadeleben, das ist der nächste Ort, kann ich dann auch wirklich meinen Bedarf an Süßigkeiten decken.

Schön finde ich die Strecke inzwischen nicht mehr. Zwar finde ich noch eine ruhige Fahrradroute nach Hoym, aber dann muss ich wieder auf der Landstraße fahren. Das Radeln an dieser Straße ist wegen des starken und schnellen Autoverkehrs entsetzlich, und hinter Ballenstedt bin ich so genervt, dass ich beschließe, ein Stück zurück zu fahren und die Bundesstraße zu nehmen. Schlimmer kann es dort auch nicht sein.
Beim Wenden entdecke ich der Nebenstraße ein Fahrradschild und komme so über einen autofreien Waldweg zur B 185, die ich dann erstaunlicherweise fast für mich alleine habe. Hier macht das Radeln Spaß und ich fast enttäuscht, als ich die Straße wieder verlassen muss, um zum Campingplatz zu kommen.
Mein GPS-Empfänger führt mich mitten in den Wald bis zu einer Kreuzung von Waldwegen. Hier, mitten auf dieser Kreuzung soll der Campingplatz sein... Mir bleibt nichts anderes übrig als willkürlich einen Weg auszuprobieren. Natürlich nehme ich den falschen, doch immerhin finde ich am Ende des Weges ein Hinweisschild und finde so doch noch zum Campingplatz.
Irgendwie schaffe ich es noch, mein Zelt aufzubauen und mich zur Dusche zu schleppen, dann befinde ich mich auch schon im Reich der Träume.
103 km

15.09.

Heute morgen kommt endlich mein Kocher zum Einsatz. Das Campingplatzlokal hat die Saison, wegen des schlechten Sommers in diesem Jahr, früher beendet und ich muss mir meinen Wachmacher selber machen.
Um kurz vor Elf mache ich mich auf den Weg und begreife schnell, warum mir die letzte Kilometer zum Campingplatz gestern so schwer fielen. Auf den Waldwegen nach Gernrode geht es fast 6 km ausschließlich bergab. Da wird es gestern Abend sicher aufwärts gegangen sein.
Radlerin Dafür muss ich in Gernrode auf Kopfsteinpflaster ziemlich steil bergauf fahren. Hoch über mir sehe ich gerade noch eine Reiseradlerin meinen Weg kreuzen. „Die ist bestimmt auf der Suche nach einem Café,“ denke ich mir und fahre hinterher. Glücklicherweise studiert die Frau, am Straßenrand stehend, ihre Karte und ich kann sie einholen.
Luvo Radlerin Schnell entwickelt sich ein Gespräch, und weil es so schön ist, suchen wir ein Café auf und frühstücken zusammen. Dann trennen sich unsere Wege wieder. Sie möchte nur noch zu dem CP von dem ich gerade komme, und ich will weiter den Harz umrunden.

Ballenstedt Radwegschild Bei strahlendem Sonnenschein folge ich dem Radweg mit der Hexe, vorbei am Schloss Ballenstedt, und dann weiter, bis ich bei Ermsleben ein kleines Café entdecke. Der Pflaumenkuchen mit Zimt im Café Holunderbaum ist göttlich.
Doch die Hexe treibt mich weiter. Die von ihr gewählte Strecke führt manchmal bequem und einfach auf glattem Asphalt, manchmal aber auch bergauf auf rollendem Schotter. Auf der einen Seite Felder, auf der anderen dichter Wald. Turmwindmühle

Ich radle von einem ...rode zum nächsten ...rode. Vor Harkerode bin ich entsetzt, weil der Weg scheinbar durch einen Sumpf führt. Doch dann fallen mir die Nachrichten, die ich als Sturm gedeutet hatte, wieder ein. Da muss wohl auch eine Menge Wasser vom Himmel gefallen sein, und einen großen Teil des Ackers auf den Weg gespült haben. Wie gut, dass ich zu der Zeit noch nicht hier unterwegs war.
Schlamm Schnecke Mutig radle ich in den Schlamm, doch nach wenigen Metern verweigert das Hinterrad seinen Dienst. Zwischen den Bremsklötzen und der Felge sammelt sich so viel Dreck, dass ich das Rad die restlichen Meter mit blockiertem Hinterrad aus dem Schlamm schieben muss. Mit kleinen Ästen entferne ich den gröbsten Dreck, dann geht es weiter.

In Stangerode verabschiede ich mich von der Hexe und fahre auf der Landstraße weiter. Endlich einmal jede Menge Wald um mich herum. Hinter Abberode fahre ich an der Bundesstraße wieder durch die Felder bis nach Königerode, und dann auf einer Nebenstraße nach Dankerode, wo ich den Campingplatz ansteuere.
Hier kann man sogar Parzellen mit eigener Küche und Dusche mieten. Das finde ich ja völlig unnötig, aber diese Geschäftsidee scheint sich zu lohnen. Ich hingegen begnüge mich mit einem Platz auf der Wiese und bringe meine eigene Küche zum Einsatz.
72 km

16.09.

Spielplatz Gestern Abend unterhielt ich mich noch ein wenig mit einem der Parzellenbewohner, der mir berichtete, dass ich hier der Naturistenstieg (der vom Besitzer des Campingplatzes ins Leben gerufen wurde) verläuft. Aber jetzt noch einen Wandertag einlegen? Dafür fehlt mir die Zeit. Außerdem sollte ich schleunigst von hier verschwinden, denn für das Wochenende ist hier ein Schlepper- oder Traktorentreffen geplant.
Kirche Reiserad Als erstes führt mich meine Weg zum Bäcker, bei dem es Bäcker sei dank, auch Kaffee gibt und frühstücke gegenüber auf dem Spielplatz.
Danach radle ich in den Ort, entdecke ein sonniges Plätzchen vor einem Landgasthaus und mache schon wieder eine Kaffeepause. Heute scheine ich nicht so richtig in den Tritt zu kommen. Außerdem ist mir nicht klar, welchen Weg ich einschlagen soll.

Ich befürchte, dass die Wanderwege eher für Mountainbiker geeignet sind und entscheide mich für die Straße nach Neuhaus. Doch Spaß macht es mir auf dieser Straße nicht, und so halte ich ständig Ausschau nach einer Ausweichmöglichkeit.
Beim Treuer Nachbarsteich kann ich die Straße endlich verlassen und radle, auf ruhiger sehr angenehmer Strecke, nach Hayn und von dort weiter über Schwenda bis nach Rottleberode. Hier suche ich, nach fast 30 km, erst einmal ein Gasthaus auf.
Es ist zwar noch geschlossen, aber einen großen Kaffee bekomme ich trotzdem. Obwohl der Wirt Sorge hat, ich könne weitere Gäste anlocken, darf ich mich mit dem Kaffee nach draußen setzen, und bekomme auf diese Weise genauere Infomationen über das Unwetter vom letzten Wochenende: Ich sitze unter einem Pavillon, der von taubeneigroßen Hagelkörnern durchlöchert ist. Wie gut, dass ich eine Woche verspätet los geradelt bin!

Wieder folge ich einem Track, den ich mir bei Naviki zusammengestellt habe und komme nach Berga.
Bach Bach Doch plötzlich führt der Track über einen einem Bahndamm, den man hier aber nicht überqueren kann. Also fahre ich zurück zur Hauptstraße, überquere dort die Gleise und nehme die nächste Straße in meine Richtung. Die endet auf einem Fabrikgelände, das aber leider keinen Hinterausgang zu meinem Weg hat.
Ich versuche es noch einmal von vorn und treffe dabei auf Spaziergänger, die mir den Weg zu einer Unterführung erklären.
Geschafft! Ich mache eine Zigarettenpause und werde von einem vorbei kommendem Radler eingeladen, ihn zu begleiten. Die Straße ginge in die gleiche Richtung, und auf dem Radweg daneben könne man viel besser fahren. Hier ginge es doch nur durch die Felder. Mir steht der Sinn weder nach Straßenverkehr, noch nach redseliger Begleitung und ich bleibe zwischen den Feldern.

Dorf Betonplatten Auf den mehr oder weniger gut geschotterten Feldwegen fühle ich mich auf dem Weg nach Werther recht wohl, doch dann folgt die Hölle: Betonplatten, mit Löchern die es mir unmöglich machen eine gerade Spur zu finden.
Ich komme an riesigen Äckern vorbei, und wundere mich nicht, das es hier bei Regenfällen zu Erosionen kommt.
Acker Fix und fertig von dem Gehoppel erreiche ich endlich wieder an eine richtige Straße und denke über ein Nachtquartier nach. Viele Kilometer traue ich mir nicht mehr zu, aber Campingplätze scheint es in absehbarer Zeit auch nicht zu geben.
So überlege ich nicht lange, als ich in Kraja an einem Reiterhof das Schild Pension sehe. Ich frage nach einem Zimmer für eine Nacht, und bekomme statt dessen eine komplette Wohnung. Wieder einmal genieße ich es, mich so richtig ausbreiten zu können.
86 km

17.09.

Als ich mich gegen zehn Uhr auf den Weg mache, habe ich zwar zwei Becher Kaffee intus, aber mein Müsli wieder nicht angerührt. Offenbar verlieren auf dieser Tour, die für unabänderlich gehaltenen Rituale ihr Wertigkeit. Ich fahre 3 km bis nach Bula und frühstücke Mohnkuchen.
Auf ruhigen Land- und Kreisstraßen fahre ich dann weiter bis nach Breitenworbis, wo ich so wichtige Dinge, wie z. B. Briefmarken für Postkarten besorgen, erledige.
Kurze Zeit später komme ich zu meiner großen Verwirrung wieder an Gernrode vorbei. Doch ich bin noch auf dem richtigen Weg. Es scheint in der Gegend mehrere davon zu geben.

Plakat Auf Landstraßen fahre ich weiter gen Westen. In jedem Ort gibt es mindestens ein riesiges Plakat, von dem mich der Papst anblickt.
Nebenstraße Der Verkehr auf der Landstraße nimmt zu und obwohl sich die überholenden Autofahrer alle vorbildlich verhalten, ist es mir hier zu anstrengend. Irgendwo hinter Beuren biege ich ab. Das Schlimmste was mir passieren könnte wäre, einige Kilometer später wieder auf die Landstraße zu müssen.
Radwegschild Infotafel Doch erst einmal komme ich auf einer ruhigen Landstraße durch, zumindest nach außen hin, sehr schöne Dörfer. Und dann sehe ich plötzlich ein Radwegschild: Leineradweg. Super, den nehme ich. Er entpuppt sich als schöner, gut zu befahrender und gut ausgeschilderter Radfernweg mit Rastplätzen und Infotafeln.

Ich erkenne, dass ich dem Leineradweg noch bis Uder folgen kann. Nur in Bad Heiligenstadt bin ich einmal nicht mehr sicher, noch auf dem richtigen Weg zu sein. Eine Frage bei einer Rosen schneidenden Dame löscht meine Zweifel. In Uder muss ich den Weg leider verlassen.
15 km geht es nun auf angenehmer Landstraße durch Wald und Feld, von ...rode zu ...rode bis nach Wahlhausen.
Werratalradweg Werratalradweg Endlich bin ich am Werratalradweg, dem ich nun 8 km folge. Anfangs noch auf Asphalt, dann auf meist gut befahrbarem Schotter.

 

Burg Kurz vor Werleshausen muss ich noch ein kurzes Stück auf die Bundesstraße, und dann beginnt der Anstieg zur Jugendburg. Von den Kommentaren der Fußgänger auf diesem Anstieg lasse ich mich ablenken, und promt muss ich - wenige Meter vor erreichen des Gipfels - absteigen und schieben.

Doch als ich endlich vor der Zeltstadt stehe, ist alle Schmach schon wieder vergessen. Als vermutlich letzter Ankömmling auf dem Treffen werde freundlichst empfangen. Natürlich will ich mich da auch von meiner besten Seite zeigen, und stelle mein Zelt, einem speziellen Wunsch entsprechend, auf. Wie könnte ich denn ahnen, dass nicht alle Teilnehmer ein Festival-Feeling mögen.
Zelte Zelte Zelte

 

Ich werde gleich in Gespräche verwickelt (was soll man sonst mit jemanden machen der sein Zelt mitten in den Weg stellt), sehe eine Menge Leute herumlaufen (deren Namen ich mir beim besten Willen nicht merken kann), höre etwas von Hühner rupfen und gehe vorsichtshalber duschen. Später versammeln sich alle Bewohner der Zeltstadt am Lagerfeuer. Ich lerne noch mehr Menschen kennen (und mindestens genauso nette Hunde), habe plötzlich Sekt im Kaffeebecher und gehe irgendwann schlafen.
Ob in der Nacht noch jemand über mein Zelt gestolpert ist?
Kommentare aus dem ODS-Forum:

»Nö, aber am nächsten Tag.«
»Das Zelt stand da richtig. Basta!«
»Welches eigentlich?«
»na luvos.«
»Schon, aber welches?«
»So selbstbewusst und arrogant, wie er daherkam, kann es nur ein Hilleberg gewesen sein
»Helsport.«
»Auf jeden Fall war es kein Lavvu und es war rot.«
»Verwechselst Du das vielleicht mit dem Saitaris«
»Öhm... vielleicht war es auch grün (ich leide wohl unter einer spätentwickelten rot-grün-Schwäche.«

Zelte

»Ist ja nicht so, dass wir keine Fotos nicht hätten.«
»Und da sieht man auch, dass es mitnichten im Weg stand.«
»Das Zelt nicht. Aber die Abspannleinen«
»Das Zelt nicht, aber die Umgehung war - wie zu sehen - als Frühstückstisch eingedeckt«

73 km