Himmelfahrt: Klingt gut, sollte man aber nicht zu wörtlich nehmen. Ich jedenfalls würde gerne noch für einige Touren auf der Erde bleiben.
G. hat mich überzeugt, mit zum Radreise-Treffen am Edersee zu fahren.
Ein wenig skeptisch bin ich doch, aber wenn wir mit dem Zug bis nach Bad Karlshafen fahren, kommen wir eh nicht vor Freitag nachmittag an. Und zwei Tage sollte selbst ich in einer Menschenmasse aushalten. Für die Rückfahrt halte ich mir vorsichthalber die Option des Alleinradelns offen.
Während ich - schon ein wenig unter Zeitdruck - mein Rad belade klingelt das Telefon!
Es ist G. Er hat sich beim Packen ausgesperrt und muß jetzt auf den Ersatzschlüssel warten, bevor er weiterpacken kann (und das kann dauern).
Ich muss Wohl oder Übel alleine fahren. Ohne Straßenkarten und mit Bad Karlshafen als Ortsnamen den Orientierungspunkt.
Am Hauptbahnhof angekommen dann der nächste Schock. Menschenmassen ohne Ende. Dieses Getümmel mag ich mir mit drei mal Umsteigen nicht antun.
Kurzentschlossen nehme ich den nächsten Zug nach Bremen um von dort dem Weserradweg zu folgen. Die grobe Richtung sollte damit stimmen.
Das Fahrradabteil des Metronom ist ziemlich voll, aber die Ausflügler schieben ihre Räder so lange hin und her, bis auch ich samt Rad und Gepäck noch hineinpasse.
In Bremen nehme ich den kürzesten Weg zur Weser, aber Vatertag ist traditioneller Radfahrtag:
Jede Menge Leute die vermutlich zum ersten und letzten Mal in diesem Jahr aufs Rad steigen, ständig die Bierflasche im (leicht gekreuzten) Blick und auf keinen Fall mit entgegenkommenden Radlern rechnend...
Mich durch diese Getümmel zu winden ist zwar anstrengend, aber auch ganz lustig.
Und es tut gut, wieder unterwegs zu sein.
Je weiter ich mich von Bremen entferne, umso ruhiger wird es und irgendwann treffe ich nur noch auf vereinzelte Radler.
Einen nicht zu unterschätzenden Vorteil hat dieser Vatertagsboom:
Es gibt einige von Kindern improvisierte Straßencafés. So kann ich mich bei Kaffee und komischen Kuchen (so nannte die Bedienung den Aprikosenkuchen) wieder erholen.
Dabei treffe ich dann auch die ersten Reiseradler. Sie sind aus Kassel und stellen fest, dass ich ja noch mindestens 500 km zu fahren habe. Aber das gilt ja nur für meinen Rückweg. Morgen werde ich irgendwo in einen Zug steigen. Vorerst bin ich froh über die gute Ausschilderung des Radwegs. Zwar befinde ich mich manchmal auf der Nebenstrecke, aber komplett verfahren kann ich mich wohl nicht.
In regelmäßigen Abständen werde ich an den Weserwehren an das Ziel meiner Reise erinnert.
Kurz vor Verden pausiert in der Pampa ein weiterer Reiseradler. Ich geselle mich zu ihm, doch leider spreche ich kein französisch, und unser beider englisch läßt auch zu Wünschen übrig. Doch die Verständigung reicht weit genug, um bei mir Neid aufkommen zu lassen:
Der junge Mann hat mehrere Monate Zeit, und ist auf dem Weg zum Nordkap.
Nachdem sich unsere Wege trennen, mache ich mich auf die Suche nache einem Campingplatz. Ohne Karten- oder sonstiges Infomaterial ist das gar nicht so einfach, und niemand den ich frage, hat je von einem Campingplatz in dieser Gegend gehört!
Endlich treffe ich an einem Weserwehr auf zwei Radler, die eine Fahrradkarte dabei haben und mir einen Campingplatz heraussuchen. Der Platz ist nur einige Kilometer entfernt - leider auf der anderen Seite der Weser. So muß ich mein schwer bepacktes Rad zuerste einmal die Stahltreppen des Wehrs rauf und wieder runter schleppen um über die Weser zu kommen. Doch nach der ganzen Mühe erreiche ich irgendwann "Camping Seerose".
Von den Kindern werde ich skeptisch begrüßt: "Was wollen sie hier?", aber Frau Erika hat ein schönes Plätzchen für mich. Ich darf mein Zelt neben einer Hütte aufschlagen und auch die, mit Liegestühlen möblierte, Terrasse benutzen.
85 km
Auf Empfehlung von Frau Erika fahre ich am nächsten Morgen 12 km zurück zum Bahnhof nach Verden.
Da der Computer am Schalter dort unter "Edersee" nichts findet kaufe ich mir also ein Niedersachsen-Ticket um nach Bad Karlshafen (der einzige Ortsname den ich aus der Gegend im Kopf habe) zu fahren.
Mit den Vatertagsnachzüglern wird das Fahrradabteil im Zug doch voller als erwartet. In Altenbeken und Ottbergen muß ich umsteigen. Die Strecke Ottbergen - Bad Karlshafen ist einspurig und wird von Uralt-Zügen befahren. Die Türen sind so schmal und hoch, dass ich mein Rad nur unter größten Anstrengungen hinein und wieder hinaus bekomme.
Während ich mich in Bad Karlshafen zu orientieren versuche (schließlich brauche ich dringend eine Fahrradkarte), treffe ich auf einen anderen Reiseradler.
Natürlich gehe ich davon aus, dass er auch zum Radreisetreffen will! Aber Tom war erst gestern am Edersee und hat von dem Treffen nichts gewußt.
Ich kaufe mir endlich eine Karte und beim Cappuccino stellen wir fest, dass wir bis Warburg zusammen fahren können.
Gemeinsam befahren wir nun den Diemelradweg. Ein Radweg so ganz nach meinem Geschmack: Viel Fluß, viel Wald und nette kleine Orte. Wirklich schön und abwechslungsreich. 
In Liebenau gehen wir eine Pizza essen. Ein Luxus, den ich mir alleine nur selten gönne, aber Tom ist so ein angenehmer Reisebegleiter, dass ich mir sogar eine richtige Tour mit ihm vorstellen kann.
Bei Warburg trennen sich dann unsere Wege. Tom muß in den Ort, während ich den Campingplatz in Eversten ansteuere.
56 km
Heute werde ich die anderen Reiseradler treffen.
Doch vorher werde ich in Warburg frühstücken gehen! Hocherfreut entdecke ich in der Fußgängerzone ein Cafe. Doch die Enttäuschung ist groß: Für teures Geld bekomme ich ein lieblos gemachtes Käsebrötchen mit Kaffee serviert, noch nicht mal für ein Gurkenscheibchen reicht es hier!
Kaum gestärkt schiebe ich mein Rad ein wenig durch den Ort und anschließend den Berg zur Burg hinauf.
Trotz der schönen Aussicht mag ich nicht lange verweilen. Ich suche einen Weg hinunter zur Diemel, die ich aber gleich wieder verlasse.
Jetzt geht es an der Twiste weiter über Volkmarsen bis zum Twistestausee. Kurzfristig holen mich Gedanken an die Arbeit ein: Hat hier in der Gegend nicht meine Chefin gearbeitet?
Recht schnell lasse ich den Twistestausee hinter mir und komme nach Braunsen.
Von hier geht es durch den "Langer Wald". Befinde ich mich wirklich auf dem Hessischen Fernradweg? Der Wald ist schön, doch mit den Steigungen habe ich heute ein Problem.
Vielleicht liegts auch nur an dem mangelhaften Frühstück, aber zwischendurch muß ich schieben, und das fällt mir mit dem beladenen Rad nicht leicht.
Irgendwann sind die Steigungen überwunden und es geht schnell weiter bis Selbach. Dort eine kurzes Stück Bundestraße und dann entlang des Reiherbachs nach Nieder-Werbe.
Der Edersee ist erreicht und ich gönne mir eine Pause in einem Lokal. Obwohl die Küche eigentlich geschlossen hat, bekomme ich dort ein leckeres Lachs - Rührei.
Jetzt muß ich nur noch den richtigen Campingplatz in der Nähe von Herzhausen finden. Gestärkt wie ich nun bin, nehme ich die letzten Steigungen, drägle mich in Herzhausen durch ein Volksfest und erreiche am späten Nachmittag Camping Teichmann. Die meisten Teilnehmer des Treffens sind noch unterwegs, werden aber bald zurück erwartet, denn der verbliebene Rest bereitet das Abendessen vor.
60 km
2012:
330 km
2011:
2813 km
2010:
3339 km
2009:
5112 km