Im Jahrhundertsommer 1997 radle ich von Stockholm bis ins südliche Lappland und lerne das Fjäll kennen.
23.08.
Obwohl es viel zu warm (Jahrhundertsommer) ist, bin ich hochmotivert. Nach drei schönen Tagen in Stockholm, steige ich in der Mittagshitze aufs Rad und fahre los. Meine Karten erweisen sich als ziemlich untauglich, und so geht es über recht unschöne, viel befahrene, Straßen bis nach Uppsala. Doch dafür kommt mir auf der Strecke ein fröhiches Schwein entgegen - und einige Zeit später zwei Bauersfrauen samt ihren Besen, die auf der Suche nach diesem Schwein sind. Die kleinen Freuden des Alltags. Kurz vor Uppsala finde ich einen Campingplatz und freue mich aufs Duschen und die erste Nacht am See.
90 km
24.08.
Über die 272 geht es weiter. Die Motivation läßt nach, als es bei Gegenwind nur noch durch trockene Getreidefelder geht. Und als ich dann noch auf die 67 muß... Doch nach wenigen Kilometern entdecke ich eine Touristenstraße, die durch ein Naturreservat nach Gysinge führt. Also fahre ich eben nach Gysinge. Die schöne Strecke ist eine wohlverdiente Entschädigung für die staubigen Getreidefelder. Nichtsdestotrotz möchte ich den Staub loswerden und erkundige mich in der Touristeninfo nach einem Campingplatz. Obwohl der nächste Platz nur 7 km entfernt ist, dürfte ich das Zelt auf dem Rasen der Touristinfo aufzustellen. Sehr nett, aber ich will eine Dusche und fahre weiter. Und dann passiert es: Ich werde vom ersten Regen seit 3 Monaten erwischt! Staubfrei, aber nass bis auf die Knochen, erreiche ich den Campingplatz.
98 km
25.08.
Ich bleibe auf der 272 und fahre weiter Richtung Norden. Außer dichtstehendem Wald gibt es nicht viel zu sehen und ich beginne die Motorradfahrer zu beneiden.
100 km
26.08.
In Bollnäs finde ich endlich eine brauchbare Strassenkarte. Bis nach Ljusnan ist der Verkehr unerträglich, aber dann kann ich endlich auf Sverigeleden ausweichen. Warum nur sehe ich den ganzen Tag immer wieder schöne Lagerplätze, während bei nachlassender Kraft oder Lust nichts mehr zu finden ist? Für einen Zeltplatz zwischen Bahnlinie und Hauptstrasse soll ich 90 skr bezahlen, aber zum Glück ist die Rezeption geschlossen ... und ich treffe auf zwei Recklinghausener, die ihr Auto voller Bier haben :-)
111 km
27.08.
Die Strafe folgt auf dem Rade! Die Biere lassen die Fahrt ganz schön anstrengend werden und auch die Gegend finde ich recht langweilig. Die einzige Abwechslung ist eine Quelle, die ich kurz vor Hassela entdecke. Hocherfreut fülle ich meine Flaschen, wobei mir eine vorüberradelnde Schwedin zuruft, dass dies die beste Art zum Auftanken sei. Trotz der Biere:
81 km
28.08.
Trotz furchtbarer Suppe und Schotterpiste ist das Fahren viel angenehmer als gestern. Und da es außer Wald eh nicht viel zu sehen gibt, stört der Nebel nicht sonderlich. Erst kurz vor Stöde geben Wald und Nebel einen kleinen Blick frei und ich habe eine wunderschöne Aussicht auf den Stödesjön. Zum Glück halten sich die Steigungen in Grenzen, denn ich bekomme Probleme mit meinem Knie. Ich fahre vorsichtig weiter bis Sandnäset. Ich bin in Västernorrlands Län. Das klingt doch schon ganz gut!
98 km
29.08.
Obwohl ich immer nur Berge sehe, schlängelt sich die 320 relativ eben durch die Gegend. Wie gut für mein Knie. Eigentlich wollte ich am Dödafallet vorbeifahren, aber von der Schotterpiste aus habe ich ihn nicht gesehen und bin wohl dran vorbeigefahren. So wichtig, dass ich deshalb auf der Hauptstraße zurückfahren würde, ist er mir allerdings nicht.
85 km
30.08.
Plötzlich befinde ich mich wieder auf dem Sverigeleden und folge ihm entlang des Faxälven. Eine Strecke mit schöner Aussicht, die Spass macht. Dem Knie gehts auch besser und ich kann 4 kg an Einkäufen gut verkraften. Auf einem kleinen Campingplatz in Ramsele wird mir von einem Bären berichtet, der in der Gegend sein Unwesen treiben soll. Gesehen hat ihn noch keiner, aber jeden Morgen werden angeblich neue Spuren entdeckt. In dieser Nacht schlafe ich etwas unruhiger als sonst.
93 km
31.08.
Heute morgen losgefahren in der Hoffnung wenigstens Dorotea zu erreichen. Es ging auch ganz gut los, aber nach 50 km knallt es plötzlich. Mir ist der Vorderreifen geplatzt. Offensichtlich bin ich in Hamburg zu oft mit zu platten Reifen gefahren, denn der Mantel ist an der Felge total aufgescheuert und der Schlauch kam dort hindurch. Zum Glück habe ich einen Ersatzmantel dabei! Mit frisch repariertem Reifen geht es weiter und ich bin tasächlich bald in Lappland. Und falls mir wirklich einmal das Geld ausgehen sollte, so habe ich eine Einnahmequelle entdeckt: Ganz Polen scheint hier zu sein um mit dem Pflücken von Blaubeeren Geld zu verdienen. Ob der Verdienst für meinen Zigarettenkonsum reichen würde?
100 km
01.09.
Über Wilhelmina, wo ich die notwendigen Einkäufe erledige, fahre ich weiter zum Malgomaj. Ich finde einen wunderschönen Lagerplatz, rühre meinen Pfannkuchenteig mit Malgomajwasser an und genieße sie anschließend bei einem traumhaften Sonnenuntergang. Zum ersten Mal in meinem Leben das Nordlicht.
93 km
02.09.
Ich würde gerne höher in den Norden fahren, aber die Zeit drängt und so halte ich mich westlich. Dabei will ich mir unbedingt den Treppenstufenwasserfall und Fatmomakke ansehen. Vom Wasserfall bin ich ziemlich enttäuscht. Vielleicht sollte ich doch lieber zur Schneeschmelze wiederkommen? Aber von Fatmomakke bin ich begeistert. Zwar werden die Koten nur noch an Feiertagen bewohnt, aber als Freilichtmuseum ist es sehr zu empfehlen. Wäre wohl etwas anmaßend von den Sami ein anachronistisches Leben zu fordern, nur weil ich so romantische Vorstellungen davon habe.
87 km
03.09.
Obwohl mich das Fjäll immer wieder und immer mehr fasziniert: Mir ist kalt! Aber es ist schön hier und ohne Fahrrad würde ich wohl nur fotografieren, um ja jeden Eindruck festzuhalten (sofern man Gefühle auf Fotos festhalten kann). Aber was jammere ich eigentlich über die Kälte: Andere Leute warten schon sehnsüchtig auf den Neuschnee, obwohl es hier in der Gegend erst zu Mittsommer den traditionellen Skilanglaufwettbewerb gab. Vor lauter Begeisterung über die Landschaft hier komme ich kaum noch zum fahren.
Und als ich dann plötzlich vor einem "richtigen" Wasserfall stehe, suche ich mir in dessen Nähe natürlich lieber einen Lagerplatz als weiter zu radeln. Dafür werde ich mit einem echten Kitschpostkartenabend belohnt.
68 km
04.09.
Nach einer Bergauffahrt geht es 53 km lang fast nur noch bergab! Leider ist es so windig, dass ich sogar bei den Abfahrten in die Pedale treten muß. Ich finde alles ziemlich anstrengend und schaffe es nur bis Gäddede.
68 km
05.09.
Oooops, was ist denn jetzt los. Heute morgen bin ich doch tatsächlich schon um 9.00 Uhr losgekommen. Toll, so kann ich unterwegs mehr herumtrödeln. In Lidsjöberg kann ich wieder einkaufen und fahre dann weiter nach Gubbhögen. Wildmarkscamp klingt einfach zu reizvoll. Das "Abenteuercamp" entpuppt sich als schmuckloser Platz mit Hausfloss, Abwaschbecken und Plumpsklo.
93 km
06.09.
Da ich heute ziemlich große Probleme mit dem Knie habe, will ich nicht so lange fahren. Doch der Campingplatz in Strömsund sieht so abschreckend aus, dass ich lieber auf der 45 weiter bis nach Hammerdal radle. Der Verkehr auf der 45 ist erträglich, aber die Strecke ist langweilig und wirkt einfach nur endlos.
88 km
07.09.
Die 45 ist ermüdend. Lange Steigungen und nichts zu sehen. Zeitweise muß ich im kleinsten Gang fahren, um mein Knie zu entlasten. Außerdem nimmt der Verkehr jetzt immer mehr zu. Da mir Östersund zu voll ist, setze ich mit der Fähre in Frösö über und suche mir einen netten Platz in Sandviken. Von hier habe ich einen schönen Ausblick auf das nächtlich beleuchtete Östersund.
81 km
08.09.
Nach dem gestrigen Verkehr meide ich die 45 und will deshalb auf die westliche Seite des Storsjön. Da offensichtlich nicht mehr alle Fähren verkehren, nehme ich die Brücke nach Oviken. So habe ich bis nach Svenstavik eine schöne Strecke, doch dann bin ich wieder auf der 45. Sehr unschön! Ich übernachte mitten im Skigebiet Åsarna. Ist zwar noch keine Saison, gefällt mir aber trotzdem nicht.
80 km
09.09.
Heute bei 3° C und (gefühltem orkanartigem) Gegenwind losgefahren. Im letzten Jahr bin ich einen Teil dieser Strecke in Gegenrichtung gefahren: Es war genauso anstrengend. Aber ab Vemdalen habe ich wieder Rückenwind und bis Sveg bin ich auf einer langweiligen, aber schnellen, Strecke.
111 km
10.09.
Der Wind steht gut und ich sause Richtung Älvdalen. Bin ganz hingerissen von Dalarna, selbst die Straße wirkt hier urwüchsig. Und plötzlich seh ich rot! Alles! Felsen, Straße, Flußbett ... Hier könnte ich gut ein paar Tage verweilen, aber ich nutze den Wind und fahre entlang des Rotnen und Österdalälven bis nach Mora.
157 km
11.09.
In der Nacht hat es gefroren und ich will nach Hause. Doch von Mora gibt es keine zufriedenstellende Zugverbindung nach Göteborg. Also werde ich es von Borlänge aus versuchen. Doch als ich dort am Bahnhof ankomme, ist dort bereits alles geschlossen.
108 km
12.09.
Leider kann man in Schweden sein Fahrrad nicht einfach so mit in den Zug nehmen. Mit dem Versprechen mein Rad am nächsten Tag in Göteborg in Empfang nehmen zu können, gebe ich es als Reisegepäck auf, verbringe einen Tag in Borlänge und übernachte hier zum ersten Mal in einem Vandrahem.
13.09.
Nun gehts endlich los nach Göteborg. Dort angekommen muß ich erst einmal um mein Rad kämpfen, denn der Gepäckschalter ist geschlossen. Ich mache einen Riesenaufstand und irgendwann kann ich es tatsächlich mit meinen Packtaschen beladen. Ein Unglück kommt selten allein? Stimmt! Wegen der "Fahren wir doch mal für einen Tag nach Göteborg"-Tarife ist die Fähre nach Kiel ausgebucht und ich muß bis zum nächsten Tag warten. Nun suche ich Stunden nach einem Campingplatz, der seine Wasserhähne noch nicht abgeschraubt hat. Kurz bevor ein Sturm beginnt werde ich fündig und bin froh über die windschnittige Form meines Zeltes.
P. S. Am nächsten Tag konnte ich tatsächlich abfahren und kam so am 15.09. glücklich und zufrieden zu Hause an.
2012:
330 km
2011:
2813 km
2010:
3339 km
2009:
5112 km