Mit vier Tagen Verspätung trete ich in diesem Jahr meine Radreise an. Vier Tage, in denen ich völlig unmotiviert bin und mir immer wieder neue Ausreden überlege um nicht aufs Rad steigen zu müssen. Mal ist es das Wetter, dann wieder die Wohnung, die vorher in Ordnung gebracht werden will, dann kann ich mich nicht entscheiden, wo oder wohin im Norden ich radeln will usw.
Doch dann...
Nach dem Frühstück am frühen Morgen bin ich immer noch müde und demotiviert und lege mich wieder ins Bett. Doch kaum bin ich wieder eingeschlafen, weckt mich mein Verstand und fragt, ob ich denn nun ganz bescheuert bin.
Ich springe aus dem Bett, rufe bei Stena-Line an und buche für den Abend eine Fährüberfahrt nach Göteborg. Dann wird das Fahrrad, welches schon seit Montag auf die Abreise wartet, mit den ebenso lange gepackten Taschen beladen und zum Hauptbahnhof geradelt.
Ein Radlerpärchen aus Magdeburg, das über den Elbe-Radweg nach Hamburg geradelt ist, achtet freundlicherweise auf mein Rad, während ich in der Schlange stehe um mir das Zugticket nach Kiel zu kaufen. "Unter Radlern muss man sich doch helfen“, ist der Kommentar des Mannes.
Im Zug treffe ich dann die nächste Reiseradlerin, eine Frau aus Köln, die den Plan hat, von Flensburg entlang der Küste nach Rostock zu radeln, und am Bahnhof in Kiel treffe ich auf eine Gruppe von Radlern, die direkt aus Litauen zurück gekommen sind.
Dann fahre ich zum Skandinavienkai, hole mein reserviertes Ticket ab und kurze Zeit später kann ich auf die Stena Scandinavica radeln.
Als ich an Deck meine erste Zigarette rauchen will, erlebe ich eine Überraschung. Ich erblicke ein, mir von der Arbeit, bekanntes Gesicht. Die Kollegin ist mit ihrem Chor auf dem Weg zu einem Sangeswettbewerb nach Göteborg.
Obwohl ich heute noch gar nicht richtig geradelt bin, habe ich einen Riesenhunger, so dass ich zwei Stunden nach einer Portion Käsetortellini, noch einmal Essen gehen.
Danach gehe ich zum Rauchen aufs Sonnendeck. Dort lerne ich Helga aus Niebüll kennen. Wir verbringen einen netten Abend zusammen, und als einsame Tänzer beenden wir diesen erst spät in der Nacht.
Nach dem obligatorischen Frühstück an Bord geht es endlich los.
Beim Verlassen der Fähre weiß ich immer noch nicht was ich machen will. Soll ich aufs Rad steigen und einfach gen Norden fahren, oder doch lieber einen Bus nehmen, der mich irgendwo in nördlichen Gefilden aussteigen lassen kann?.
Doch sobald ich auf dem Rad sitze, hat sich die Frage erledigt. Ich will nur noch radeln.
Vor einiger Zeit habe ich mir bei Gpsies einen GPS-Track, von Göteborg nach Härjedalen heruntergeladen, dem ich nun erst einmal folge.
Über die Götaälvbron geht es auf die andere Seite des Flusses.
Am Hjalmar Brantingsplats halte ich kurz an, um mich ein wenig zu orientieren und werde von einem Mann um ein paar Kronen angebettelt. Doch dann scheint er sich zu überlegen, dass man von jemanden der sein Hab und Gut auf dem Fahrrad durch die Gegend fährt, nicht viel erwarten kann und verlässt mich mit einem: "Trevlig resa."
Ich folge dem Track und wundere mich, warum der immer auf der Hauptstraße verläuft, wo es parallel ruhige Straßen für Radler und Anwohner gibt. Ich vermute, dass der Track von einem Rennradfahrer stammt.
Immerhin ist die Strecke ganz angenehm zu fahren, nur dass der Wind immer aus vorderen Richtungen kommt, gefällt mir nicht so gut. Meist ist der Himmel bedeckt, nur ab und zu gibt es ein paar Sonnenlöcher.
Bei der ersten Kaffeepause, die ich in Säve an einem Kiosk einlege, läuft mir der Schweiß herunter, doch wenige Minuten später wird mir in den feuchten Sachen kühl.
Mit der Fähre überquere ich den Nordre älv und komme über eine kleine Straße nach Ytterby. Einige Kilometer fahre ich nun auf der 168 und dann auf wunderschönen kleinen Straßen über Åseby und Jörlanda bis nach Stora Höga. Von dort geht es auf der 160 weiter.
Schon von Weitem sehe ich die eindrucksvolle Brücke Tjörnbron, und hoffe, das ich dort nicht hinüber muss. Sie erscheint mir riesig. Doch ich habe keine Wahl, ich muss hinüber und schaffe das tatsächlich, ohne herunter geweht zu werden.
Auf dem Rastplatz gleich hinter der Brücke mache ich eine Pause. Kaffee gibt es hier leider nicht und zum selber kochen habe ich keine Lust. Als es mir beim Herumsitzen zu kalt wird, fahre ich weiter.
Es ist schön, wieder auf dem Rad zu sitzen, aber das Fahren auf der 160 finde ich entsetzlich. Keine Radfahrspur und für meine Verhältnisse ziemlich viel Autoverkehr. Scheinbar will jeder das Wochenende, und die wenigen Sonnenstrahlen nutzen und mal schnell an die Küste.
Dabei könnte die Strecke richtig schön sein. Bei Strandnorum und Håkenäs führt sie direkt an der Küste entlang und ich kann Blicke auf die Schären werfen.
Als ich dann ein Schild mit einem Café entdecke muss ich einfach hin fahren. Selbst wenn es geschlossen ist, habe ich damit wenigstens ein paar Minuten Abstand von der 160. Ich habe Glück, das Café ist geöffnet. Das Innere des Cafés ist total überheizt und so mache ich es mir draußen neben einem alten, mit Moos bewachsenem, Fahrrad gemütlich.
Danach muss ich leider wieder auf der 160 weiter.
Über Skåpesund und Varekil bis nach Henån.
Einige Kilometer hinter Henån ist die 160 für Radfahrer gesperrt und eine Nebenstrecke ausgeschildert. Praktischerweise führt diese Nebenstraße direkt am Campingplatz auf Vindön vorbei, wo ich nun den 1. Radeltag dieser Tour beende.
108 km | 7:45 Std. | 17,0 km/h
Da habe ich mein Zelt extra so aufgestellt, das es am Morgen von der Sonne getrocknet werden kann, und nun regnet es in Strömen mit heftigen Sturmböen zwischendurch.
Bei dem Wetter habe ich keine Lust aufs Rad zu steigen und da ich meinen Krimi auch noch nicht zu Ende gelesen habe, brauche ich keine Langeweile zu befürchten, wenn ich den ganzen Tag im Zelt bleibe.
So buche ich eine zweite Nacht auf dem Platz. 50:- SEK für die Nacht sind ja auch noch recht günstig.
Jeder hier auf dem Platz hofft auf besseres Wetter, doch niemand hier kann mir mehr als die Hoffnung darauf geben. Einige Leute fahren sogar mit dem Auto zum Klo.
Am Nachmittag ist es nur noch am Nieseln und während eines kleinen Spaziergangs ärgere ich mich doch ein wenig, am Morgen nicht gefahren zu sein, denn inzwischen ist es sogar ganz trocken.
Weil mich das Radeln auf der 160 doch ziemlich genervt hat, beschließe ich, ab morgen nur noch nach eigener Lust und Laune zu radeln.
Ich könnte z. B. eine norwegisch-schwedische Grenztour bis ins Jämtland machen, denn lieber mache ich Berg- und Talfahrten auf Nebenstraßen, als mich ständig von Autos bedrängt zu fühlen. Der komplette GPS-Track wird aus meinem Gerät gelöscht!
Spät am Abend regnet es wieder und es donnert sogar... Aber morgen, da wird geradelt.
In der Nacht versucht ein Käfer an der Zeltwand heraufzuklettern. Erstaunlich, wie laut so ein Kratzgeräusch sein kann. Ich brauche lange, um ihn zu finden, da ich erst einmal nach Igeln und schnüffelnden Hunden Ausschau halte.
Trotz dieser Schlafstörung bin ich schon um 8:30 Uhr wach. Beim Packen erwischt mich die erste Mücke dieser Tour; sie bezahlt dafür mit ihrem Leben.
Bevor ich abreise, verschenke ich noch meinen, nun zu Ende gelesenen, Krimi an zwei deutsche Gäste hier. Zunächst muss ich über Sundsandvik und Kristevik wieder auf der 160 fahren, die ich aber heute als nicht ganz so schlimm empfinde.
Nachdem ich die 161 überquert habe, kann ich auf einer ruhigeren Straße nach Munkedal fahren. Eine angenehme, etwas hügelige Strecke. Aber leider auch mit Steigungen, die ich zwar nicht mit den Augen wahrnehme, dafür aber sehr gut in den Beinen spüre.
Auf dem weiteren Weg nach Hedekås kann ich mich als Kavalier erweisen. In einem Auto kommen mir drei alte Frauen entgegen und fragen mich nach dem Weg nach Svarteborg.
Mit Karte kann ich ihnen weiterhelfen:
"Entweder weiter Richtung Munkedal und dann nach rechts abbiegen oder weiter nach Hedekås und dann nach links abbiegen", rate ich ihnen. Ganz begeistert sausen sie weiter nach Munkedal. Doch schon nach wenigen Kilometern werde ich von ihnen überholt.
Offensichtlich haben sie sich nun doch für die andere Strecke entschieden. Ich fahre weiter, sehe vor Hedekås ein großes Schild nach Svarteborg und denke an die lustigen Frauen.
Und dann kommen mir die drei, fröhlich winkend, schon wieder entgegen! Ob sie jemals in Svarteborg ankommen? Aber so lange sie ihren Spaß dabei haben...
Ich komme jedenfalls gut in Hedekås an und gebe meinen Notizen zufolge 60:- SEK für Hamburger, Pommes und Kaffee aus. Aber ich kann mich weder an das Essen, noch an ein Lokal oder den Ort erinnern.
Von Hedekås geht es anschließend auf ruhiger Strecke weiter. Viel Wald und Landwirtschaft in hügeliger Umgebung. Wirkt ja ganz romantisch, aber das karge Fjäll mag ich lieber.
Nach endlosen Kilometern, kurz bevor ich an die 164 komme, sehe ich zum ersten Mal einen richtigen Loppis, so etwas ähnliches, wie bei uns ein Flohmarkt. Da scheint jemand den gesammelten Hausstand von mindestens Hundert Jahren anzubieten.
Im Vorbeifahren sehe ich alte Fahrradreifen, Geschirr und jede Menge Trödel. Doch mein Fahrrad ist auch ohne derartige Einkäufe schon genug bepackt.
Als ich dann vor mir die 164 sehe, und fast den Eindruck habe, es könnte eine Autobahn sein, weiche ich auf einen parallelen Waldweg aus. Doch leider endet der nach kurzer Zeit und so muss ich doch die 164 benutzen. Bei dem diesigen Wetter fühle ich mich hier, trotz Beleuchtung, viel zu gut getarnt.
Die Menge des Autoverkehrs ist zwar erträglich, aber sehr häufig treffen sich die Autos aus beiden Richtungen genau auf meiner Höhe.
Auf den letzten Kilometern vor Ed beginnt es dann auch noch zu regnen, und ich fahre schnell den Campingplatz an. Auf dem Platz sind nur wenige Leute und von denen holen einige auch nur den Wohnwagen ab.
Die Rezeption ist geschlossen aber ich finde auch so einen Platz für mein Zelt. Auswahl habe ich hier wirklich genug.
88 km | 7:00 Std. | 16,2 km/h
Das Wetter ist heute morgen nicht sehr einladend. Wieder sehr bedeckt und diesig. Nicht gerade motivierend. Und eine Papierkarte von hier habe ich auch nicht. Mit Hilfe des GPS-Empfängers suche ich mir für den Anfang eine Strecke aus, die recht einfach wirkt.
Doch leider ist das Display recht klein. Entweder habe ich eine Karte, auf der ich zwar einige Kilometer überblicken, aber dafür keine kleinen Straßen sehen kann, oder ich kann die kleinen Straßen sehen, und mir fehlt der Überblick.
Aber, so denke ich, ich muss ja nur ein Stück um den See Lilla Le herum und dann nach rechts abbiegen.
Nun verpasse ich den richtigen Abzweig und fahre erst einmal zu weit um den See herum. Doch aus Schaden wird man klug, und beim nächsten Mal werde ich eine Route, die ich mir aussuche, speichern.
Westlich vom Stora Le geht es nun weiter nach Norden bis ich an eine größere Straße komme. Links geht es nach Norwegen und rechts mit der Fähre über den Stora Le. Natürlich entscheide ich mich für die Fähre um dann anschließend weiter gen Norden zu fahren.
Die Fähre steht schon bereit, doch bis sie endlich los fährt, bin ich fast erfroren. Nach der Überfahrt kaufe ich in einem winzigen Supermarkt ein paar Grundnahrungsmittel. Auf der Suche nach einem heißen Kaffee, verpasse ich offensichtlich den winzigen Abzweig, der mich weiter in den Norden bringen sollte.
Also fahre ich doch erst mal wieder gen Süden bis zum Sandsjön, dann nach Osten bis ich zum Ärtingen komme und dann geht es endlich wieder nordwärts. Am Lelång treffe ich dann wieder auf die nach Norden führende Straße.
Ca. 30 km Umweg!
Immer entlang des Lelång geht es bis ins Värmland nach Lennartsfors, wo ich mein Zelt bei einem Kanucamp aufschlage. Kaum steht das Zelt, beginnt es leicht zu regnen. Doch das passt zu meiner Stimmung: Den ganzen Tag fühlte ich mich kraftlos. Die Strecke war zwar gut zu fahren, aber nicht besonders interessant.
Außer zwei Joggerinnen und einem alten Mann, der am Straßenrand sein Süppchen kochte, habe ich keinen Menschen gesehen.
Doch auf dem Campinglatz gibt es noch einen Mann, der vor seiner Hütte scheinbar Fische ausnimmt.
Ein Dusch- oder Waschhaus kann ich leider nirgends finden.
109 km | 8:30 Std. | 15,9 km/h
Schon vor sieben Uhr werde ich durch das Geräusch von Schritten geweckt. Da muss ich doch gleich mal aus dem Zelt schauen. Der Himmel ist bedeckt, aber es ist trocken. Die Schritte, die mich geweckt haben, stammen von einer Frau, die neben meinem Zelt erfolgreich Pilze sammelt.
Mit etwas mehr Ahnung hätte ich mir also gestern Abend ein reichhaltiges Pilzgericht kochen können. Aber wer traut sich schon an Pilze die er nicht kennt? Zuverlässig erkenne ich nur Fliegenpilze.
Gegen neun Uhr bin ich soweit, und bei der Abfahrt entdecke ich, dass die Hütte, vor der der Mann gestern seine Fische ausgenommen hatte, ein Duschhaus ist. Zu spät, ich fahre los.
In Lennartsfors steuere ich den Supermarkt an. Die Verkäuferin dort ist so nett mir besseres Wetter zu versprechen.
Während ich draußen auf der Bank noch Kanelbullar verspeise, nähert sich ein älterer Mann, erkundigt sich nach meiner Reise und erzählt mir dann, dass er in seiner Jugend sehr viel in Norwegen geradelt ist.
"Das war schön damals, aber auch sehr anstrengend und jetzt schaffe ich es leider nicht mehr", sagt er ein wenig wehmütig.
Nach der kurzen Unterhaltung fahre ich auf kleinen Straßen, fast ohne jeden Verkehr, über Fölsbyn nach Årjäng. Dort esse ich eine riesige Pizza, die als Dagensrätt ziemlich günstig ist. Derweil kommt nun langsam und vorsichtig die Sonne durch die Wolkendecke. Auf der 172 geht es anschließend weiter nach Norden, bis ich auf die 177 treffe. Da die 172 nach Ostern verläuft, fahre ich nun auf der 177 weiter.
Diese Straße ist der Hit: Ganz flach, fast nichts an Verkehr und sogar einige Kilometer ohne Gegenwind. Die fahre ich bis nach Flogned, schaue mir aber auf der Strecke noch das Heimatmuseum von Järnskog an. Das Café dort hat leider geschlossen.
In Flogned verlasse ich die 177 und fahre westlich des Hugn entlang, und dann einfach immer weiter, bis ich auf die 61 treffe. Die gefällt mir gar nicht, aber inzwischen habe ich müde Beine und will möglichst schnell zum Campinglatz nach Charlottenberg.
Den Platz muss man in der Rezeption des Motels buchen. 180:- SEK will mir die unfreundliche Rezeptionistin dafür abknöpfen. Wie gut, dass ich vorher die Preisliste gesehen habe. So komme ich mit 110:- SEK davon.
Der Platz ist nicht sonderlich toll, direkt an der 61 und hat nur eine winzige Zeltwiese ohne Bänke. Gegenüber befindet sich ein in die Landschaft gepflanztes Einkaufzentrum. Gruselig.
Entschädigt werde ich mit einem Waschraum, der so warm ist, dass ich mir ohne Gänsehaut den Schädel rasieren kann.
89 km | 7:15 Std. | 15,5 km/h
2012:
330 km
2011:
2813 km
2010:
3339 km
2009:
5112 km