Seltsam, nach dem Packen habe ich noch Platz in den Taschen. Ich gucke in jede Ecke des Hauses, aber ich habe nichts vergessen.
So ganz sicher bin ich mir mit der Entscheidung immer noch nicht und so trödle ich noch eine ganze Zeit im Ort herum. Eine Postbotin spricht mich an und erzählt mir, der Schnee hätte eigentlich schon vor mindestens zwei Wochen kommen müssen. Das bestärkt mich ein wenig in meiner Entscheidung. Dann hat sie die Idee, das ich doch in Motorradkleidung fahren könnte.
Nein, ich fahre wieder zurück! Aber wenn ich schon mal hier oben bin, will ich wenigstens noch einen Blick auf Kiruna werfen. Schweren Herzens mache ich mich auf den Weg und überlege auch unterwegs immer noch, ob die Entscheidung richtig ist. Schließlich ist es trocken und auch nicht so arg kalt. In Svappavaara will ich an der Tanke einen Kaffee trinken, doch die Tankstelle besteht nur aus einer Zapfsäule. Auch die Gruvkök hat heute schon geschlossen.
Frustriert fahre ich weiter und 30 km vor Kiruna erwischt mich wieder Schneeregen. Trotzdem mache ich einen Abstecher nach Jukkasjärvi um mir anzusehen, wo das Icehotel aufgebaut wird. Da bin ich aber enttäuscht: Das Icehotel hat einen Betonboden und wird durch Eisenträger gestützt. Damit hat es für mich einen Großteil seines Reizes eingebüßt.
Auf der Weiterfahrt nach Kiruna schneit es auf einigen Kilometern so heftig, das man kaum noch etwas sehen kann. Als ich einen Radweg in die Stadt entdecke hört es auf zu schneien, aber es liegen schon 10 cm. Das Fahren darin ist anstrengend, aber es macht Spaß.
In Kiruna fahre ich gleich zum Campingplatz durch. Es ist eine Anlage, die zu einem Hotel gehört und der Mann an der Rezeption ist ziemlich erstaunt, weil ich wirklich mein Zelt im Schnee aufschlagen will. Er gibt mir noch den Tipp, dass man kostenlos die Wäschetrockner benutzen kann und das der Aufenthaltsraum geheizt ist falls mir doch kalt wird. Für den Komfort knöpft er mir 120:- SEK ab.
Beim Zeltaufbau wird die Vorfreude auf die Nacht immer größer. Im Schnee habe ich vorher noch nie gezeltet. Doch Gummistiefel wären schon angebracht. Meine Schuhe sind natürlich wieder nass.
91 km
Das Packen im Schnee ist gar nicht so einfach, wenn man dabei auch noch seine Schuhe schützen will. Auf die Idee mir Plastiktüten drüber zu ziehen komme ich erst, als ich schon fertig bin.
Kaum habe ich das Hotel betreten, werde ich von einer Frau mit Fragen überschüttet: "Konntest du schlafen? War es nicht zu kalt?" Aber mir geht's gut und das war bestimmt nicht meine letzte Nacht im Schnee. Ich drehe noch eine Runde in Kiruna, dann mache ich mich auf den Rückweg.
Obwohl ich ziemlich spät aus Kiruna wegkomme bin ich um zwanzig vor zwei in Svappavaara bei der Gruvkök, die um zwei schließt. Als "Dagens rätt" steht heute Leverbit auf der Karte. Das klingt mir zu sehr nach Leber und so bestelle ich mir einen kleinen Hamburger.
Ich bin entsetzt: Der kleine Hamburger ist ein doppelter Hamburger normaler Größe mit einer riesigen Portion Pommes. Eines von beiden würde zum Satt werden reichen.
Mit jetzt endlich warmen Füßen und bei Sonnenschein mache ich mich auf den Weg nach Gällivare. Natürlich mache ich wieder eine Pause in dem Bäckereicafe.
Pünktlich um sechs wird es kalt. Kurze Zeit später wird es dämmrig und ich stelle fest, dass mein Vorderlicht den Schnee nicht überstanden hat. Das gefällt mir gar nicht, doch dann kommt mir die Idee meiner Lenkertasche die Stirnlampe überzuziehen. Damit fühle ich mich schon viel wohler.
Im Zwielicht habe ich einen wunderschönen Blick auf den Dundret: Unten der See, darüber der Wald mir der Burg und darüber der Berg mit der Schneekappe.
Mein Zelt muss ich schon fast im Dunkeln aufbauen und natürlich ist auf dem Campingplatz niemand mehr in der Rezeption. Doch ich habe den Türcode noch im Kopf und da er sich nicht geändert hat, kann ich sogar heiß duschen. Die Außentemperatur ist offensichtlich stark gefallen, denn alles Metall das den Boden berührt setzt eine dünne Eisschicht an.
Morgen im Bus ist es bestimmt warm.
123 km
In der Nacht hat es geregnet, aber so wie es jetzt aussieht, hat mein Abkleben genützt.
Schon eine dreiviertel Stunde vor Abfahrt des Busses stehe ich am Bahnhof und kann nicht herausfinden wo genau der Bus abfährt. Doch dann sehe ich den Fahrer und der erklärt mir gleich das ganze System, z. B. das man am nächsten Tag von Östersund weiter nach Mora fahren kann und dass ich, falls ich mit einem anderen Bus weiterfahren will, am Besten gleich die ganze Strecke buche. Denn es gibt einen Maximalpreis von unter 500:- SEK, egal wie weit man fährt. Für die Strecke von Gällivare bis Sorsele zahle ich 278:- SEK. Die Fahrradmitnahme bekomme ich geschenkt. Vermutlich will der Fahrer in Gällivare nicht schon 50% seiner Kunden verlieren.
Was für ein großer Bus: Außer zwei Fahrgasträumen gibt es noch einen Gepäck- und einen Frachtraum (in dem mein Fahrrad untergebracht wird). Pünktlich um viertel nach neun geht es los. Der Fahrer stellt sich, und die Betreibergesellschaft KR-Trafik, vor und hält eine kurze Rede für seine beiden Fahrgäste. Dann rauschen in ca. 5,5 Std. vier Tagesetappen an mir vorbei und ich bin froh, die Strecke nicht mit dem Rad zurück fahren zu müssen. So interessant ist sie aus dieser Richtung nicht mehr.
In Jokkmokk und Arvidsjaur haben wir jeweils 15 Minuten Zeit einkaufen zu gehen oder uns die Beine zu vertreten, wobei mich Arvidsjaur sehr überrascht. Die Stadt ist ganz anders als vor einer Woche. Jede Menge Menschen auf den Straßen und das Cafe ist geöffnet und es herrscht ein reger Betrieb dort. Der ganze Ort wirkt viel fröhlicher. Ob ich letzte Woche einen Volkstrauertag erwischt habe? Mein Fahrer macht hier seine Mittagspause und fährt dann auf der gleichen Linie zurück. Schade, die Fahrt mit ihm war wirklich lustig.
Als ich in Sorsele aussteige ist es dort richtig warm, doch ich komme nicht so richtig in Schwung. Nach 18 km entdecke ich den ersten Lagerplatz. Allerdings mag ich so früh noch nicht aufgeben. Ich fahre weiter, um dann nach 6 km doch wieder umzukehren und den Platz anzufahren. Hier herrscht eine richtige Mückenplage: Gleich zwei auf einmal wollen mich anfallen.
Wenn ich mich nicht verzählt habe, sind mir auf der Tour bisher sieben Mücken begegnet.
30 km
Schon um halb sechs werde ich wach. Es ist stürmisch. Ich gucke raus und sehe, dass ich Gegenwind hätte. Also schlafe ich weiter, um dann um acht von strahlender Sonne geweckt zu werden. Doch Gegenwind habe ich immer noch.
Die Fahrt ist anstrengend, aber ich fühle mich weit besser als gestern und als ich auch noch eine Quelle entdecke, bin ich alle Sorgen los. Die Ausblicke auf den letzten Kilometern, bevor ich die E 12 erreiche, lohnen die Anstrengung.
Die E 12 wirkt wie eine Nebenstraße, nur mit mehr Verkehr, aber da sie bald nach Norwegen geht, müsste eigentlich jedes Dorf hier einen Supermarkt haben, denke ich.
Slussfors zumindest hat einen Lanthandel und ein Restaurant, eigentlich eher eine Gatukök mit großem Aufenthaltsraum. Der Restaurantbesitzer freut sich über mich und lädt mich gleich zum Kaffee ein. Es kommen noch zwei Motorradfahrer, die sich Fjäll-Angels nennen und zwei Autofahrer. Während ich draußen eine Zigarette rauche scheine ich das Gesprächsthema im Lokal zu sein, denn als ich es wieder betrete, werde ich von den Autofahrern auf Deutsch gefragt, woher in Deutschland ich denn komme. Doch sehr lange lasse ich mich nicht aufhalten.
Inzwischen ist es ziemlich kühl geworden und ich muss mir die Jacke überziehen. Endlich kann ich die E 12 verlassen und habe den Wind nun von der Seite und manchmal sogar von hinten. Die Straße nach Dikanäs besteht aus einem Lehm-Schotter-Gemisch und ist matschig, rutschig und klebrig.

Der Campingplatz in Dikanäs ist privat und somit geöffnet, und es gibt zur Begrüßung sogar Kaffee.
Ein einfacher, aber sehr netter Platz, der für die Nacht 80:- SEK kostet.
95 km
Da ich nicht ans Nordkap gefahren bin, und auch noch 4 Tagesetappen mit dem Bus überbrückt habe, habe ich ja nun reichlich Zeit und deshalb kurzentschlossen einen Tag länger auf dem Campingplatz in Dikanäs gebucht. Die Gelegenheit nutzt der Eigentümer mir den Wetterbericht für die Gegend des Marsfjäll zu zeigen: In den nächsten Nächten bleiben die Temperaturen noch über dem Gefrierpunkt. Vom Wind steht leider nichts da.
Den Tag nutze ich um ins Kittelfjäll zu fahren. Von diesen Fjäll-Landschaften kann ich einfach nicht genug bekommen. Natürlich starte ich wieder bei Gegenwind, und ich kann nicht behaupten, dass mir das Fahren ohne Gepäck dabei leichter fällt. Eher im Gegenteil, an das gepäckfreie Lenken muss ich mich erst gewöhnen. Im Dorf werde ich von allen möglichen Leuten gegrüßt, und langsam komme ich mir vor wie ein bunter Hund.
Am Ende des Dorfes geht es so bergab, dass es mir jetzt schon vor dem Rückweg graust.
Die folgenden 30 km kommen mir ziemlich lang vor, was zum Einen am Gegenwind liegt, zum Anderen aber auch an den Baustellen, wo ich auf sehr groben Schotter fahren muss. Doch wieder einmal wird die Anstrengung belohnt...
Natürlich sind das Cafe und die Touristeninformation um diese Zeit geschlossen, denn hier lässt der Winter noch auf sich warten. So fahre ich die Tanke mit dem kleinen Supermarkt an. Hier gibt es zwar keinen fertigen Kaffee, aber mir wird schnell ein kleiner Becher Instandkaffee gemacht. Der Service hier im Norden...
Obwohl ich gar nicht nach Reiseradler aussehe, erkundigt sich ein weitere Kunde nach meiner Tour und schwärmt mir dann von der Gegend vor, die ich in den nächsten Tagen durchfahren will. Da wird die Vorfreude geweckt.
Auf dem Rückweg nach Dikanäs entdecke ich am Dikasjö eine Badebucht mit einer transportablen Sauna, die man mieten kann. Sie lässt sich überall aufstellen und man könnte von der Sauna direkt ins Wasser hüpfen. Doch leider ist sie abgeschlossen.
In Dikanäs gehe ich erst einmal einkaufen. Es ist schon seltsam hier oben: Entweder es gibt keinen Supermarkt, oder aber die beiden großen Supermarktketten (ICA und Konsum) haben beide eine Filiale im Ort, und dann möglichst nebeneinander.
In der Bibliothek von Dikanäs, die gleichzeitig als Touristeninformation Internetcafe und Ausstellungsraum dient, suche ich zum ersten und einzigen Mal auf dieser Tour das Internetcafe auf.
Danach gehe ich ein wenig am Fluss (der direkt am Campingplatz vorbei fließt) spazieren. Mit wasserdichten Schuhen könnte ich es hier noch einige Tage aushalten. Zu Essen gibt es heute ein Omelett im überheizten campingplatzeigenen Lokal. Sofern ich es richtig verstanden habe, wird das Lokal mit dem riesigen Fernseher auch als Dorfkino genutzt, und die Hammondorgel benötigt man für Tanzveranstaltungen.
Kein schlechtes System finde ich.
59 km
Die Nacht war sehr mild, aber offensichtlich ziemlich feucht. Sogar am Innenzelt und auf dem Schlafsack hat sich Kondenswasser gesammelt. Am Außenzelt verfängt sich das Kondenswasser teilweise in den innenliegenden Stangenkanälen und tropft herunter. Mir scheint ich habe den Prototypen des Zeltes erwischt.
Um elf Uhr komme ich los. Fünf lange Kilometer geht es nur bergauf. Zwei Männer, die gemütlich im feuchten Gras liegen, während ihr Laub verbrennt, können sich ein Grinsen nicht verkneifen. Auf den nächsten Kilometern geht es zwar auch mal bergab, aber als Flachlandradler habe ich mit jeder, wirklich jeder, Steigung zu kämpfen.Nach 11 km, für die ich eine Stunde gebraucht habe, fällt mir ein, dass mein Handy noch zum Laden auf dem Campingplatz in Dikanäs ist.
Es ist zwar ein altes Teil mit eine Prepaid-Karte und ich brauche es eigentlich nicht, aber einige Leute könnten panisch werden, wenn ich wochenlang nicht auf Nachrichten antworte. Also wieder zurück. So sehe ich Dikanäs auch einmal von hoch oben. Für den Rückweg benötige ich nicht einmal eine halbe Stunde und die Campingplatzbesitzer sind sehr erstaunt, als ich plötzlich wieder vor ihnen stehe. Voller Mitleid wird mir erst einmal eine Tasse mit Kaffee gefüllt. Danach starte ich ein zweites Mal.
Die Strecke nach Sunnansjö hat's wirklich in sich.
In Stalone fahre ich, in der Hoffnung auf einen weiteren Kaffee, die Tanke an. Doch Kaffee gibt es hier nicht. Aber es gibt Gummistiefel. Für meinen Geschmack allerdings etwas klobig, und 680:- SEK will ich dafür nicht ausgeben.
Nun befinde ich mich auf dem Vildmarksväg, einer Strecke, die ich 1997 schon einmal gefahren bin. Die Straße führt direkt am Kultsjöån entlang und so halten sich die Steigungen hier in Grenzen. Eine schöne Flusstour mit vielen Lagerplätzen. Doch da ich ohne Gummistiefel keine Flusswanderungen machen kann, ist es mir zu früh um mein Zelt aufzubauen. Als ich, so ab Båsnäs, dazu bereit bin, ist jeder Platz von einem Haus oder Ferienhäuschen belegt.
Immerzu nach einem geeigneten Lagerplatz Ausschau haltend radle ich weiter, und plötzlich stehe ich vor dem Treppenstufenwasserfall. Ich hatte ganz vergessen, dass sich dieser auf der Strecke befindet. Schade nur, dass der Rastplatz hier nur aus Schotter besteht. So muss ich schon nach kurzem Aufenthalt weiter, denn sehr lange wird es nicht mehr hell sein.
Doch schon nach wenigen Minuten finde ich einen Schotterplatz mit einer kleinen Grasfläche. Mein Platz!
90 km
Nein, was für eine Suppe! Da fahre ich mitten durch die schönsten Landschaften und soll nichts davon sehen? Gestern verhinderten die Bäume den Blick auf's Marsfjäll, und heute verhindert der Nebel jede Aussicht.
Doch vom Nebel abgesehen, habe ich einen guten Start: Ich habe leichten Rückenwind. So komme ich bequem bis zum Abzweig nach Fatmomakke und bin ziemlich erschrocken, als ich sehe, dass ich nun eine Schotterpiste hinauf muss.
Doch diese Kirchenstadt will ich unbedingt wiedersehen.
Als ich dort ankomme, kehrt auch ein Teil meines Erinnerungsvermögens zurück und ich erkenne einiges wieder.
In dem Souvenirshop, den es hier natürlich gibt, würde ich gerne eine Kuksa kaufen, doch das einzige vorhandene Exemplar ist Touristennepp. Dann vielleicht ein Rentierfell für 450:- SEK?
Doch wo ich auch schaue, ich finde keinen Platz um es mitzuschleppen. So radle ich ohne zusätzliches Gepäck weiter Richtung Klimpfjäll. Die Strecke geht nur leicht bergan, aber lahme Beine bekomme ich trotzdem.
Den Ort Klimpfjäll und seine Campingplätze ignoriere ich und fahre, immer knapp unter den Wolken oder mitten hindurch, weiter. Und dann beginnt es zu schütten. Aber zurück fahren will ich auch nicht, und so baue ich mein Zelt schließlich, irgendwo bei Stekenjokk, mitten im Fjäll auf.
Die Rentiere bleiben in sicherer Entfernung, und der einzige vorbeikommende Autofahrer hupt und winkt mir zu. Ob mitleidig oder anerkennend kann ich leider nicht erkennen.
Wie schön muss diese Landschaft erst bei klarer Sicht sein!
Zum ersten Mal vermisse ich einen Menschen neben mir, mit dem ich dieses Erleben teilen kann, der meine Begeisterung für diese Schönheit teilt.
86 km
2012:
330 km
2011:
2813 km
2010:
3339 km
2009:
5112 km